Schülerinnen fordern Abi-Absage

Stimmen aus der Schülerschaft fordern in einem offenen Brief, dass Prüfungen abgesagt werden und eine Durchschnittsnote berechnet wird.

Lilli, Meyrem und Zoe – Schülerinnen des Abitur-Jahrganges – berichten im Interview, was sie zu dieser Forderung bewegt und wie sie persönlich die Abi-Absage legitimieren.

wie habt ihr die vergangen 4 schulfreien Wochen verbracht?

Lilli: Meine Konzentration auf das Lernen hat immer mehr nachgelassen, deswegen habe ich mir jeden Tag einen Ausgleich geschaffen. Ich war viel draußen im Garten und habe versucht, möglichst oft kreativ zu sein, um innerlich zur Ruhe zu kommen und mich wieder konzentrieren zu können. Dann habe ich wieder mit dem Lernen angefangen.

Zoe: Ich habe mich natürlich auf die angekündigten Prüfungen vorbereitet und das Haus so gut wie gar nicht verlassen, außer, wenn ich für meine Eltern etwas erledigt habe.

Meyrem: Den vorgegebenen Maßnahmen entsprechend, habe ich das Haus nur zum Erledigen von notwendigen Dingen, wie das Einkaufen verlassen. Es hat eine Weile gedauert, sich an die neuen Bedingungen zu gewöhnen und bis ich eine neue Tagesroutine gefunden hatte. Diese stütze sich hauptsächlich auf das Lernen und den Ausgleich, den ich in den eigenen vier Wänden bedingt bekommen konnte. Allerdings war es ebenfalls nicht einfach, sich nicht aus dem Konzept bringen zu lassen, da die tägliche Informationsflut überwältigend und irritierend gewesen ist. Jeden Tag hat man eine neue Ansicht eines Wissenschaftlers oder Fachspezialisten via Nachrichten, soziale Medien etc. bekommen.

Ihr setzt euch für ein Durchschnittsabitur ein, das auf Basis der bisher im Laufe des Schuljahres erzielten Zensuren beruht. Wie rechtfertigt ihr eure Forderung – bis zu den Prüfungen ist doch noch viel Zeit.

Lilli Es geht nicht um die Zeit, die uns zur Vorbereitung bleibt. Die Prüfungen stattfinden zu lassen, wäre ein gesundheitliches Risiko für alle Beteiligten und deren Familien. Jeder befindet sich in einer anderen Situation, einige Schüler – wie z.B. ich – haben Risikogruppen zu Hause, die durch die Teilnahme an Prüfungen gefährdet werden könnten. Wer sich privat in welcher Lage befindet, ist ebenso wenig absehbar, wie wer infiziert ist. Diese Bedingungen sind nicht sicher und machen betroffenen Schülern Angst. Das Einkaufen oder Verabredungen kann man selbst ja vermeiden, um andere zu schützen, aber zu Prüfungen zu erscheinen ist eine Pflicht. Diese Pflicht unterscheidet nicht zwischen verschiedenen Fällen. Der Stress würde sich natürlich auch in den Ergebnissen der Prüfung widerspiegeln – unter so viel Druck und Angst sind nicht die gleichen Ergebnisse zu erwarten, wie sonst beim Abitur. Und die Frage ist dann: kann man diese Noten noch als Vergleichswerte verwenden?

Zoe Zeit ist in der Hinsicht aber nicht alles. Es geht um die Umgebung selbst und die schiere Ungewissheit, da andauernd neue Informationen auftauchen. Nicht jeder hat in dieser Situation den Komfort eines ruhigen Zuhauses ohne Geschwister oder Eltern, die gesundheitlich oder finanziell gerade gefährdet sind. Die angekündigten Schutzmaßnahmen zur Abiturprüfung halte ich für ziemlich vage und nicht gerade effektiv. Bis vor einer Woche hat meine Mutter (die in der Pflege arbeitet) für ihre Kollegen und Kolleginnen selbst Masken genäht, weil bis dato keine Schutzkleidung zur Verfügung gestellt wurde.

Meyrem Wie ich bereits zuvor erwähnt hatte, ist die Auswirkung der täglichen Informationsflut über neue Fallzahlen, Kommentare wie, „Wir stehen noch am Anfang der Pandemie“ nicht zu unterschätzen. Es geht nicht darum, dass man sich als Abiturient auf Basis dieser Informationen erhofft, dass die Prüfungen ausfallen und man mit Leichtigkeit ohne gelernt zu haben, sein Abiturzeugnis in die Hände bekommt. Nein, solche Informationen haben jeden einzelnen Schüler aus der Mentalität, seine letzten wichtigen und zukunftsrelevanten Prüfungen bald absolvieren zu müssen, gebracht. Mit vielen Schülern, auch aus anderen Schulen habe ich mich über dieses Problem unterhalten, da ich davon ausgegangen bin, dass es nur mir so ginge. Aber dem war nicht so. Schon innerhalb einer kurzen Zeit habe ich dieselbe Schwierigkeit bei Schülern aus meinem Umfeld und sogar Schülern aus den sozialen Medien, die aus anderen Bundesländern kommen, mitbekommen. Es ist definitiv als ein psychologische Belastung anzusehen, die die zu dem „normalen Abistress und -druck“ hinzukommt. So etwas wie eine doppelte Last. Unsicherheit, wie es weitergehen wird; ob sich die Lage verschärfen wird; ob man selber erkranken wird und einen schweren Krankheitsverlauf durchmachen wird; alles Bedenken, die mich persönlich tagtäglich belastet haben und noch weiterhin belasten werden. Unter dieser Belastung muss ich zugeben, dass ich es als ungerecht erachte, dass wir das Abitur absolvieren müssen und die Jahrgänge vor uns, unter normalen Bedingungen ungestört von politischen Einschnitten in das alltägliche Leben, die Prüfungen ablegen konnten. Es wird von uns erwartet, dass wir trotz dieser „unnormalen und einschränkenden“ Maßnahmen, plötzlich wieder, ohne jegliche psychologische Folgen, zur Normalität zurückkehren.

Welche Nachteile für Schülerinnen und Schüler befürchtet ihr, sollten die Prüfungen entgegen eurer Forderung stattfinden?

Lilli Erst einmal könnte es passieren, dass gar nicht alle Schüler an den Prüfungen teilnehmen können, weil sie vielleicht in Quarantäne stehen oder ein Risiko für Familienmitglieder darstellen. Wenn nun aber Prüfungen stattfinden, so besteht immer noch Ansteckungsgefahr. Diese Gesundheitsgefährdung wäre nicht verantwortungsbewusst und würde Schüler vor die Frage stellen, ob eine Teilnahme am Abitur für sie möglich ist. Das ist nicht gerecht. Abgesehen davon ist auch die Vorbereitung auf Prüfungen für einige Schüler gar nicht so einfach, wenn das Haus nicht verlassen werden kann. Wenn zu Hause immer Stress ist und man keinen ruhigen Ort zum Lernen hat, dann bestehen einfach andere Voraussetzungen an das Abitur als mit z.B. geöffneten Büchereien, die einen ruhigen Lernort bieten. So etwas muss auch bedacht werden, gerade weil auch Teile des vierten Semesters selbst erarbeitet werden mussten.

Zoe Das größte Problem wird die Ansteckungsgefahr sein, denn ich weiß nicht, wo sich all meine Mitschüler die vergangenen Wochen herumgetrieben haben oder ob sie sich an Kontaktverbote gehalten haben. Ich sehe das weniger aus schulischer Sicht, sondern mehr aus persönlicher. Für mich ist Stress kein ausschlaggebendes Argument und wenn es eine wirklich sichere und faire Lösung gäbe, würde ich meine Prüfung auf jeden Fall schreiben wollen, aber Moment sollen wir uns entweder für unsere berufliche Zukunft oder unsere Gesundheit entscheiden, was absolut falsch ist. Für mich ist das Durchschnittsabi der letzte Ausweg, weil man in dieser Ausnahmesituation nicht nach gegebenem Standard handeln kann, ohne SchülerInnen und Lehrkräfte mutwillig zu gefährden.

Meyrem Dass die Prüfungen nicht mit dem Potenzial absolviert werden können, das man eigentlich hat, da die schwierige Zeit, aus der man gerade kommt, die Entfaltung hemmt. Man somit ein schlechteres Ergebnis in der Prüfung erzielt und der Notendurchschnitt, der sich aus den Halbjahren errechnen lässt, runtergezogen wird. Dass somit die Prüfungen nicht den Vorteil bieten, den sie ihrer Funktion entsprechend, bieten sollen!

Was schlagt ihr vor – wie kann man sich an eurer Petition beteiligen?

Lilli Wir haben angefangen, E-Mails mit unserer Bitte, die Prüfungen abzusagen, an das Kultusministerium zu schreiben. Das kann natürlich jeder andere auch tun – eine Vorlage haben wir ja geschrieben.

Zoe Schickt Briefe an das Kultusministerium. Es muss ja nicht zwingend für ein Durchschnittsabi sein, sondern einfach mit der Bitte, sich vernünftig Gedanken um die Sicherheit zu machen.

igsroschuelerzeitung

Schülerblog der IGS Roderbruch

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