Du nimmst mir die Luft zum Atmen — Die Corona-Pandemie und ich

EINE REPORTAGE VON LEA HENSCHEL.

,,Bald ist es vorbei.“ hat mir mein Vater gestern Abend noch versprochen. Aber wir wissen beide, dass es länger so sein wird, länger als wir es am Anfang noch erwarteten. Nun ein zweiter Lockdown, in den Nachrichten ist es fast das einzige Thema, Corona. 


Ihr müsst wissen, mir fällt mir unglaublich schwer, mich nicht mit Freunden zu treffen. Ich bin von Kindheitstagen an ein Freigeist. Nicht zu stoppen, wie meine Großeltern oft sagten, ein Wirbelwind, kein jugendlicher Stubenhocker – ich brauche einfach die frische Luft.


Wie jeden Morgen stehe ich um 06:15 Uhr auf, ich reibe mir die noch halb geschlossenen Augen und gehe duschen, mein Vater schläft noch. Aber das ist okay, ich bin schließlich schon groß. Anziehen, Zähne putzen und mein Schulbrot schmieren. Als Letztes wünsche ich meinem Vater einen schönen Tag und gehe los. Auf dem Weg zur Bushaltestelle sehe ich schon andere Menschen mit Masken, so wie auch ich eine trage.

Diese Maskenpflicht nervt; seit dem 2. November  müssen alle Lehrer und Lehrerinnen, Schüler und Schülerinnen die Maske auch im Unterricht tragen. Das Schlimmste ist: ich sehe nicht, ob mich meine Mitmenschen anlächeln oder ob sie bedrückt schauen. Am Anfang war es aber noch schwerer, mittlerweile erkenne ich die Mimik einer Person schon ganz gut, wenn ich nur dessen Augen sehe. Als ich verträumt in den Bus steige, mache ich meine Musik auf meinen Kopfhörern an und versuche diese ganze verkorkste Situation auszublenden. Manchmal frage ich mich auch, ob ich nur träume. 

An der Schule angekommen, treffe ich auf Freunde aus meinem Jahrgang, mit anderen Jahrgängen dürfen wir uns nicht treffen, auch nicht in den Pausen. Außerhalb der Schule bekamen wir die Bitte, uns mit niemandem zu treffen, um das Risiko einer Ansteckung so niedrig wie möglich zu halten. Das beste Wort um diese Regelungen zu beschreiben ist anstrengend.

Erst um 08:05 Uhr werden die Eingangstüren aufgeschlossen. Jeder Jahrgang hat eine zugewiesene Tür, nur diese Tür darf benutzt werden. Beim Eintreten desinfizieren wir uns die Hände – auch das ist Pflicht. Alle Jahrgänge haben nicht nur eine eigens zugewiesene Tür, sondern auch eine zugewiesene Treppe, die wir jeden Tag hinauf und wieder hinunter laufen. Überall auf dem Boden kleben gelb-schwarz gestreifte Klebestreifen: manche zeigen den Abstand an, den man wahren muss , wenn man vor den Toiletten wartet, denn mehr als zwei Personen dürfen nicht eintreten. Andere Klebestreifen signalisieren Einbahnstraßen und wiederum andere das man nur auf der rechten Seite gehen darf.

Ja, ein bisschen kompliziert ist das ganze System schon, das gebe ich zu.

Ich gehe zum Spind und nehme mir die Deutschbücher heraus. Als die Lehrerin eintritt und den Unterricht beginnt, werden die Fenster für fünf Minuten geöffnet, denn das ist die Regel. Es muss alle 20 Minuten für fünf Minuten gelüftet werden, das kann bei Temperaturen zwischen fünf und zehn Grad schon mal kühl werden. Mit anderen Worten, ich friere. Aber da müssen jetzt ja alle durch. Den Deutschunterricht finde ich immer ziemlich langweilig, es sei denn es geht um Gedichte und Bücher, beispielsweise Romeo und Julia von Shakespear oder Neue Liebe, Neues Leben von Goethe; alte Sprache und phantasievolle Welten mit Worten erschaffen gefällt mir. Sobald der Gong ertönt wird meine Klasse ganz unruhig, wann denn endlich der Unterricht beendet wird.

Denn eins habe ich in den fast neun Jahren Schule auf jeden Fall gelernt: Der Lehrer oder die Lehrerin beendet den Unterricht!

In der Pause würde ich gern frühstücken, aber in den Klassenräumen dürfen wir nicht essen, wir müssen rausgehen. Was bei den Temperaturen sehr unangenehm ist, deshalb verzichte ich lieber. Nächste Stunde, Mathe, aber tatsächlich macht mir das derzeitige Thema Spaß: Maßstab und zentrische Streckung. Als auch diese Stunde vorbei ist und ich halb erfroren zur Toilette wartschle, ist die Schlange sehr lang. Ich weiß das ich zu spät zu Kunst kommen würde, wenn ich warte bis die Toilette wieder frei ist, aber ich muss nunmal. Ich entschuldige mich bei meiner Kunstlehrerin und setzte mich. Heute malen wir unsere Figuren aus Pappe mit Acrylfarbe an, wir animieren sie später und während ich male, vergesse ich alles um mich herum. Ich konzentriere mich nur auf mich und alles andere ist egal. Ich vergesse sogar fast, wie kalt mir ist und dass ich eine Maske trage. 

Nach dem Kunstunterricht ist Mittagspause, 45 Minuten pure Langeweile, weil man nicht weiß, was man tun soll. Die einen lernen auf den letzten Drücker für eine anstehende Klassenarbeit, die anderen ignorieren die Regeln und essen trotzdem drinnen und wieder andere sitzen an ihrem IPad und spielen irgendwelche Onlinespiele. Wenn ich grade nicht mit anderen zu Edeka gehe, lese ich gern meinen Roman weiter, ich sitze mittlerweile schon sehr lang an dem Roman, aber ich komme nicht weiter. Das ist auch die perfekte Metapher für die derzeitige Situation. Wir treten auf der Stelle, Einschränkungen die aufgehoben werden, daraufhin wieder mehr Infektionen und natürlich neue Einschränkungen.

Ich frage mich, ob die Verantwortlichen, die Ämter, die Politiker nicht merken, wie es momentan läuft. 

Die letzten beiden Stunden sind immer sehr ermüdend, AWT – Arbeit, Wirtschaft, Technik, ein sehr trockenes Fach, der Schulstoff ist zäh, das meiste muss man auswendig lernen. Endlich  Schulschluss, eigentlich würde ich noch mit meiner besten Freundin raus gehen, vielleicht mal wieder mit einer Decke, geschmierten Broten und Musik an den Kanal. Nur leider weiß ich, dass sie eine weitere Freundin mitbringen würde, wir wären zu dritt, drei Haushalte. Und ich möchte keine Anzeige riskieren, noch weniger eine Geldstrafe.

Aber das Ganze hat auch eine Kleinigkeit Gutes: ich konzentriere mich viel mehr als vorher auf die Schule, den Unterricht und lerne sogar abends freiwillig, um meine Noten zu verbessern, das treibt mich an. Also bleibe ich zuhause, als ich mit meinen Schulsachen fertig bin, schaue mit meinem Vater einen Film, kraule meine Katze auf dem Sofa und hoffe dass dieses ganze Dilemma bald vorbei ist. 

igsroschuelerzeitung

Schülerblog der IGS Roderbruch

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