Belit Onay ist seit 2019 Oberbürgermeister der Landeshauptstadt Hannover und erlebt Politik damit täglich nah an den Menschen.
Nach den jüngsten Wahlen im September 2026 haben Luca und Tom Belit Onay drei Fragen zum Zustand unserer Demokratie gestellt: ob sie gefährdet ist, was Menschen zu den politischen Rändern zieht und wie Demokratie wieder überzeugender werden kann.
Ist die Demokratie mit Blick auf die vergangenen Wahlen in Sachsen-Anhalt und Berlin in Deutschland gefährdet? Wenn ja, auf welche Art?
Die Demokratie als System halte ich nicht für gefährdet. Aber ich würde sagen, die vergangenen Jahre haben uns durchaus gezeigt, dass Demokratien fragil sind.
Die Wahlergebnisse zeigen uns, dass zahlreiche Menschen unzufrieden sind mit dem Status quo und sich von Politik oder gesellschaftlichen Entwicklungen nicht ausreichend gehört und mitgenommen fühlen. Gefährlich wird es dann, wenn das Vertrauen in demokratische Institutionen schwindet. Demokratie lebt vom Vertrauen, von der Beteiligung und ganz besonders auch vom Respekt gegenüber anderen Meinungen.
Und da sehe ich Handlungsbedarf, weil sich die Gräben zwischen den verschiedenen politischen Richtungen doch als sehr tief zeigen. Ich persönlich wünsche mir, dass wir wieder mehr in den Austausch miteinander treten können. Insbesondere Social Media verleitet uns dazu, uns nur in spezifischen, durch den Algorithmus gefütterten, „Bubbles“ zu bewegen.
Was bewegt Ihrer Meinung nach Menschen dazu, sich dem linken oder rechten Spektrum anzunähern?
Menschen suchen Orientierung und Antworten auf ihre Fragen. Manche erleben vielleicht persönliche oder wirtschaftliche Unsicherheit, wieder andere fühlen sich gesellschaftlich nicht (mehr) wahrgenommen.
Dann wirken politische Angebote attraktiv, die einfache Erklärungen oder klare Feindbilder anbieten. Oft steckt dann hinter dem Wunsch nach Extremen aber weniger Ideologie als das Bedürfnis nach Zugehörigkeit.

Wie kann man Demokratie attraktiver machen, sodass Menschen ihre Lösung nicht im Extremen suchen?
Demokratie ist für mich das attraktivste System, ermöglicht sie doch freie Entfaltung für alle. Aber Demokratie lebt vom Engagement und wenn Menschen erkennen, dass ihre Beteiligung etwas bewirken kann, ist das schon ein wichtiger Schritt.
Wir müssen deutlich machen, dass Demokratie kein Zuschauersport ist, sondern vom Mitmachen lebt. Dazu gehören gute politische Bildung und echte Beteiligungsmöglichkeiten. Da sind wir in Hannover auf einem guten Weg, meiner Meinung nach. Und wir müssen zeigen, dass Demokratie Probleme lösen kann.
Hannah Arendt hat Politik als einen Raum verstanden, in dem Menschen gemeinsam handeln und urteilen. Genau das ist gefragt: unterschiedliche Perspektiven zusammenzubringen und Kompromisse zu finden, ohne den anderen zum Gegner zu erklären.
