Es klingelt, dreißig Handys liegen stummgeschaltet vorn auf dem Pult. Die Lehrkraft zählt, die Anzahl stimmt und die Klausur beginnt.
Alle Möglichkeiten, KI in der Klausur zu nutzen, sind also durch das Einsammeln der Handys unterbunden worden. Oder etwa nicht? Eine Person aus der Oberstufe hat uns anonym erzählt, wie leicht sich diese Kontrolle umgehen lässt.
Sie hat auch erzählt, wer davon profitiert und wer nicht. Ein einzelner Bericht beweist natürlich nicht, wie oft das tatsächlich vorkommt. Der Bericht wirft aber eine unbequeme Frage auf: Was misst eine Note noch, wenn ein Teil der Klasse heimlich Hilfe hat?
Zu Beginn jeder Klausur sammelt die Lehrkraft alle Handys ein und legt sie gut sichtbar vorne auf einen Tisch. Für viele wirkt das sicher. Unter Lehrkräften hält sich aber hartnäckig die Vermutung, dass viele Schülerinnen und Schüler einfach ein zweites Handy dabeihaben. Ist da was dran?
Ja, da ist was dran. Ich will nicht sagen, dass das alle machen, das wäre übertrieben. Aber es ist auch keine Ausnahme, über die man nur Gerüchte hört. Die meisten wissen, dass es geht, und einige machen es auch. Die Abgabe vorne sieht nach Kontrolle aus, aber eigentlich kontrolliert sie nicht viel.
Ein zweites Handy muss man ja erst mal haben. Die wenigsten besitzen zwei Smartphones. Woher kommen diese Geräte?
Meistens leiht man sich eins von Leuten aus anderen Klassen, die zu der Zeit keine Klausur schreiben. Oder man nimmt ein altes Handy von zu Hause, das irgendwo in der Schublade liegt. Oft ist das schon kaputt, das Display ist gesprungen oder der Akku hält nicht mehr. Das ist egal, es muss ja nur auf dem Tisch liegen. Handys von Eltern oder Geschwistern nimmt man eher selten, weil die ihre Geräte im Alltag selbst brauchen. Die können nicht einfach einen Vormittag ohne Handy sein.
Ein kaputtes Handy mit gesprungenem Display liegt also vorne zwischen den anderen. Eigentlich müsste das doch auffallen, gerade wenn die Lehrkraft ihre Schüler kennt.
Man würde es denken, aber nein. Die meisten Lehrkräfte zählen einfach durch, ob die Anzahl der Handys zur Anzahl der Leute im Raum passt. Wenn die Zahl stimmt, ist das Thema erledigt. Wie die Handys aussehen oder ob das wirklich das eigene ist, darauf achtet kaum jemand. Ich glaube, viele Lehrkräfte wissen auch gar nicht, welches Handy wem gehört.
Wenn man ein altes Gerät zu Hause haben oder jemanden kennen muss, der eins verleiht, dann hat nicht jeder die gleichen Möglichkeiten. Entsteht da nicht eine neue Ungerechtigkeit zwischen denen, die können, und denen, die nicht können?
Ich finde eigentlich nicht, dass es an den Möglichkeiten liegt. Fast jeder hat irgendwo ein altes Handy oder kennt jemanden, der eins leihen kann. Das ist nicht das Problem. Das eigentliche Problem ist die Angst. Man muss sich trauen, und viele trauen sich eben nicht, weil sie Angst haben, erwischt zu werden.
Oder sie haben Angst, dass die Lehrkraft sie verdächtigt, auch wenn sie nichts gemacht haben. Ich würde also sagen, es hängt eher am Mut als am Geld.
Zwischen den Plätzen stehen bei den Abschlussarbeiten große Sichtschutzwände, damit niemand beim Nachbarn abschreibt. Für die Lehrkraft heißt das aber auch, dass sie nicht mehr sieht, was dahinter passiert. Wie werden diese Wände genutzt?
Die Wände sind eigentlich perfekt dafür. Sie sollen verhindern, dass man beim Nachbarn abschreibt, aber sie verdecken eben auch, was man selbst macht.
Das Handy liegt meistens auf dem Schoß oder unter dem Tisch, nicht oben. Und weil die Wand so hoch ist, sieht die Lehrkraft von vorne nicht, ob man gerade aufs Blatt oder nach unten schaut.
Trotzdem sitzt vorne jemand, der Aufsicht führt. Woran erkennt man, dass diese Person gerade abgelenkt ist, etwa beim Korrigieren, am Laptop oder beim Beantworten einer Frage?
Das ist ehrlich gesagt das Schwierigste daran. Jede Lehrkraft ist anders.
Manche laufen die ganze Zeit durch die Reihen. Andere sitzen vorne und schauen sich immer wieder in der Klasse um. Und wieder andere sind mit was ganz anderem beschäftigt, korrigieren zum Beispiel oder arbeiten am Laptop.
Man kann sich nie ganz sicher sein. Deshalb beobachtet man die Lehrkraft eigentlich die ganze Zeit. Wenn sie in die eigene Richtung kommt, muss man schnell reagieren und das Handy verschwinden lassen.
Gibt es Phasen in einer Klausur, die als besonders sicher gelten? Und sprecht ihr euch untereinander ab?
Der Anfang ist so eine Phase, wenn die Lehrkraft noch mit dem Austeilen beschäftigt ist und nicht in die Klasse schaut.
Und ja, manchmal sprechen sich Freunde auch ab. Man setzt sich so hin, dass es günstig ist, oder man hat Zeichen ausgemacht. Das passiert nicht immer, aber es kommt vor.
Und der Toilettengang? Wer während der Klausur rausgeht, ist für ein paar Minuten völlig unbeobachtet.
Genau deshalb wird der auch genutzt. Auf der Toilette ist man allein und hat Ruhe.
Da kann man sich die Aufgaben in Ruhe anschauen und lösen lassen, ohne dass man dauernd auf die Lehrkraft achten muss. Gerade bei Aufgaben, wo man viele Details braucht, ist das viel einfacher als im Raum.
Würde es etwas ändern, wenn die Lehrkraft die ganze Zeit durch die Reihen geht?
Es wäre auf jeden Fall riskanter.
Man müsste viel vorsichtiger sein und könnte das Handy kaum benutzen. Aber ganz verhindern würde es das nicht. Die Toilette bleibt ja trotzdem und man kann nicht jeden Gang verbieten.
Angenommen, das Handy ist da und die Lehrkraft schaut nicht hin. Wie kommt die Aufgabe dann in ChatGPT oder eine andere KI? Wird das Blatt fotografiert, abgetippt oder nur grob beschrieben?
Das kommt auf die Aufgabe an. Wenn sie kompliziert ist und lange Texte oder Material dabei sind, macht man ein Foto, das ist viel schneller und genauer.
Einfache Fragen tippt man lieber ab, weil das weniger auffällt. Man muss das Handy dann nicht so hochhalten wie beim Fotografieren. Die Antwort ist in ein paar Sekunden da. Und dann schreibt man sie natürlich nicht eins zu eins ab, sondern in eigenen Worten, damit es nicht nach KI klingt.
Lohnt sich das bei jeder Aufgabe gleich? Oder gibt es Aufgaben, die geradezu dazu einladen, etwa wenn man Wissen, Daten oder Fachbegriffe wiedergeben muss?
Am meisten lohnt es sich bei Wissensfragen. Wenn man irgendwelche Begriffe, Jahreszahlen oder Fakten wissen muss, ist das mit der KI super einfach. Da bekommt man fast immer die richtige Antwort. Bei anderen Aufgaben ist es viel schwieriger.
Wo bringt es kaum etwas? Zum Beispiel wenn man selbst zeichnen, sich auf den Unterricht beziehen oder eine eigene Meinung begründen muss?
Beim Zeichnen bringt es gar nichts, das muss man ja selbst machen. Bei Rechenaufgaben ist es auch schwierig.
Die KI rechnet oft anders, als wir es im Unterricht gelernt haben und manchmal kommt auch was Falsches raus. Wenn dann plötzlich ein Lösungsweg auf dem Blatt steht, den nie jemand im Unterricht besprochen hat, fällt das natürlich auf.
In Kunstklausuren z.B. gibt es oft eine Bildanalyse zu einem abgedruckten Werk. Das ist mehr als eine reine Wissensabfrage. Könnte man das Bild trotzdem fotografieren und sich die Analyse von der KI schreiben lassen?
Bei Analysen ist es schwierig. Damit da was Gutes rauskommt, müsste man der KI sehr viele Informationen geben, also was genau gefragt ist, worauf man achten soll und so weiter. Das dauert lange und ist riskant. Für so was lohnt es sich kaum.
Wird bei all dem eigentlich auch mal jemand erwischt?
Ja, schon ein paar. Meistens, weil sie das Handy zu offensichtlich versteckt hatten und die Lehrkraft es dann gesehen hat. Oder weil auf einmal aus Versehen die Sprachfunktion angegangen ist und das Handy laut geredet hat. Das ist natürlich peinlich.
Wie müsste eine Klausur denn aussehen, bei der ein Zweithandy nichts mehr bringt?
Ich glaube, mündliche Prüfungen wären eine gute Lösung. Da sitzt man direkt vor der Lehrkraft und muss selbst antworten. Da hat man diese Möglichkeiten einfach nicht.
Mündliche Prüfungen bedeuten für viele aber puren Stress. Manche, die schriftlich sehr gut sind, blockieren, sobald sie vor jemandem reden müssen. Wäre das wirklich fairer?
Für manche wäre es auf jeden Fall schwerer, das stimmt. Gerade für Leute, die schnell nervös werden.
Aber dafür könnte wenigstens niemand schummeln. Vielleicht wäre eine Mischung am besten.
