Ein Beitrag von Gwen und Melisa.
Die HANNAH ARENDT TAGE 2026 endeten im Schloss Herrenhausen mit einer Frage, die nicht bequem ist: Warum wird Stärke gerade in Demokratien so attraktiv?
Samstag, 26. September, Tagungszentrum Schloss Herrenhausen. Fünf Tage lang standen die HANNAH ARENDT TAGE unter dem Motto „stop and think“. Anlass war der 120. Geburtstag von Hannah Arendt, die 1906 in Linden geboren wurde und später mit „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ eines der wichtigsten Bücher über Diktaturen geschrieben hat. Zum Abschluss ging es um eine Frage, die Arendt vermutlich sofort interessiert hätte: Warum sehnen sich Menschen in freien Gesellschaften nach einer „Kultur der Stärke“?
Auf dem Podium saßen die Schriftstellerin und Publizistin Prof. Ines Geipel, die in der DDR aufgewachsen ist, der Jurist und Journalist Ronen Steinke, der Verfassungsrechtler Uwe Volkmann und Hannovers Oberbürgermeister Belit Onay. Moderiert hat Michael Köhler vom Deutschlandfunk.
Stärke ist nicht das Problem
Gleich zu Beginn fragte der Moderator, warum sich so viele Menschen von der liberalen Demokratie abwenden. Ronen Steinke überraschte mit einer Antwort, die erst einmal verteidigend klang: Der Wunsch nach Stärke sei nichts Falsches. Wer gemeinsam für seine Interessen kämpft und etwas verändern will, handelt demokratisch. Problematisch sei aber ein aktueller Trend zum Unbedingten, also zu Positionen, die keinen Kompromiss mehr zulassen. Als Beispiel nannte er die Politik von Donald Trump.
Ines Geipel setzte einen deutlich härteren Ton. Autoritäre Freiheit sei rücksichtslos. Sie meint damit eine Freiheit, die nur noch für die eigene Gruppe gilt und keine Rücksicht auf andere nimmt. Später sprach sie vom „Stolz der Schamlosigkeit“: Früher habe man sich für bestimmte Aussagen geschämt, heute werde genau das als Stärke gefeiert.
Kann Demokratie sich selbst abschaffen?
Michael Köhler erinnerte daran, dass Demokratie nichts Ewiges ist. Uwe Volkmann griff das auf und beschrieb ein Paradox: Der Liberalismus könne sich selbst zerstören. Eine freie Verfassung öffnet sich auch denen, die sie ablehnen, denn jeder hat das gleiche Recht, seine Meinung zu vertreten. Gleichzeitig seien wir eine politische Gemeinschaft, die Dinge gemeinsam regeln muss. Wenn Probleme lange ungelöst bleiben, wirken autoritäre Lösungen plötzlich einfach und verlockend.
Interessant war auch die Frage des Moderators, wie wetterfest eigentlich unsere Landesverfassung ist. Steinke erinnerte daran, dass jede Verfassung auch Herrschaft regelt.
Sie ist also nicht nur Schutz, sondern auch ein Werkzeug, und es kommt darauf an, wer es in die Hand bekommt.
Selbstwirksamkeit: Wenn die eigene Stimme nichts zu bewirken scheint
Besonders spannend fand ich den Gedanken der Selbstwirksamkeit. Viele Menschen möchten das Gefühl haben, dass ihre Stimme tatsächlich etwas verändert. Wenn der Staat Probleme nicht schnell genug löst, sinkt das Vertrauen in demokratische Institutionen. Dann wirken starke Versprechen besonders attraktiv, auch wenn sie am Ende nicht halten, was sie versprechen.
Belit Onay brachte hier die Sicht aus der Stadt ein. Auf kommunaler Ebene fehle oft die Unterstützung, um Lösungen tatsächlich bereitzustellen. Gleichzeitig beschrieb er, wie sehr die aktuelle Entwicklung viele Menschen in Sorge versetzt, gerade Menschen mit Migrationsgeschichte, die in Hannover einen großen Teil der Stadtgesellschaft ausmachen.
Er erzählte von seinem Besuch in Sachsen Anhalt, wo ihm viele gesagt hätten, es gebe zu viele Ausländer:innen. Beim Thema Grenzkontrollen kritisierte er, dass oft mit dem angeblich gesunden Menschenverstand argumentiert werde: Grenzen zu, Problem gelöst. Das sei der einfache Weg, bei dem man nicht weiterdenke.










Der Streit um den Umgang mit der AfD
Richtig spannend wurde es beim Umgang mit der AfD, denn hier waren sich die Gäste nicht einig.
Ronen Steinke vertrat eine klare rechtsstaatliche Position: In der Politik darf man rechts sein, und rechte Parteien dürfen im Parlament sitzen. Die Rechte der Opposition müssten gewahrt bleiben und zwar für alle. Solange nach den Regeln gespielt werde, sei das legitim. Er warnte aber auch davor, dass die Presse zunehmend bedroht werde.
Ines Geipel sah das kritischer. Sie fragte, wie hohe Zustimmungswerte für die AfD in Sachsen Anhalt überhaupt zustande kommen und wie man aus dieser Situation wieder herauskommt. Ihre Antwort: Das habe viel mit der Geschichte der DDR zu tun und es handle sich nicht um zufälligen Protest, sondern um eine gezielte Strategie und eine Bewegung.
Gleichzeitig betonte sie, dass niemand gezwungen werde. Jeder könne rechts wählen, trage dafür aber auch die Verantwortung. Außerdem kritisierte sie, dass wir in Deutschland Debatten oft unverhältnismäßig führen.
Belit Onay stand dazwischen. Man müsse mit rechten Menschen reden, und jede und jeder trage Verantwortung für die eigene Wahlentscheidung. Er machte aber auch deutlich, worum es aus seiner Sicht am Ende gehe: den Staat zu kapern. Als Beispiele nannte er die Türkei und die USA.
Uwe Volkmann ergänzte einen nüchternen Gedanken: Wer auf Ungarn oder die USA schaue, sehe, wie unattraktiv autoritäre Politik in der Praxis werde. Und an die demokratischen Parteien gerichtet sagte er sinngemäß, die anderen müssten jetzt endlich aufwachen.
Ein Moment, der hängen bleibt
Ein Moment ist uns besonders im Kopf geblieben. Vom Podium kam die Frage ans Publikum: Wer hat schon einmal die AfD gewählt? Niemand meldete sich. Die Vermutung auf dem Podium war, dass sich auch niemand melden würde, der es tatsächlich getan hat. Dazu kam die Überlegung, dass es AfD Wählern vermutlich egal sei, wenn man sie Nazis nennt.
Diese Szene zeigt ein echtes Problem: In einem Saal voller Menschen, die über Demokratie diskutieren, ist die andere Seite unsichtbar. Wir reden über „die anderen“, aber selten mit ihnen.
Bubbles und soziale Medien
Auch soziale Medien spielten in der Diskussion eine Rolle. Auf TikTok, Instagram und anderen Plattformen bewegen wir uns häufig in unseren eigenen Bubbles und bekommen vor allem angezeigt, was zu unseren bisherigen Ansichten passt.
Dadurch wird es schwieriger, andere Perspektiven überhaupt kennenzulernen. Starke, einfache Botschaften funktionieren dort besonders gut, differenzierte Antworten eher schlecht.
Was „stop and think“ meint
Genau hier passt das Motto der HANNAH ARENDT TAGE. Aber „stop and think“ bedeutet bei Arendt mehr als einen Faktencheck. Recherchieren und Quellen prüfen ist wichtig. Arendt ging es aber um etwas Tieferes: um das Denken als inneres Gespräch mit sich selbst. Sie hatte beobachtet, dass viele Menschen in Diktaturen nicht aus Bosheit mitmachten, sondern aus Gedankenlosigkeit. Sie hörten auf, sich selbst zu fragen, ob sie mit dem, was sie tun, eigentlich leben können.
Übertragen auf unseren Alltag heißt das: Wenn eine Meinung auf TikTok überzeugend klingt, sollten wir nicht nur fragen, ob sie stimmt. Wir sollten auch fragen, was es bedeuten würde, wenn wir sie weiterverbreiten und ob wir dahinterstehen können.
