Ein Gespräch mit Ines Geipel im Rahmen der Hannah-Arendt-Tage über Doping, Flucht und Demokratie: „Wir sitzen alle in einem Boot und niemand ist sicher“ von Melisa und Gwen.
Prof. Ines Geipel war Leistungssportlerin in der DDR und ohne ihr Wissen Teil eines staatlich organisierten Dopingsystems. Mit neunundzwanzig Jahren floh sie über Ungarn in den Westen und ließ ein ganzes Leben zurück. Später wurde sie Schriftstellerin, Literaturwissenschaftlerin und Nebenklägerin in den Doping Prozessen gegen ihre ehemaligen Trainer und Ärzte. In ihren Büchern beschäftigt sie sich seit Jahrzehnten mit Gewaltgeschichte, mit verdrängten Kapiteln der deutschen Vergangenheit und mit der Frage, wie Gesellschaften sich bequeme Erzählungen über sich selbst zurechtlegen.
Gwen und Melisa haben Prof. Geipel für dieses Interview zu ihrer Jugend, zu ihrem Umgang mit dem Schreiben und zu den Themen befragt, die junge Menschen heute beschäftigen, von der Frage nach der eigenen Erinnerung bis zur Frage, warum immer mehr junge Menschen rechts wählen.
Frage: Wir fangen nicht bei Ihren Büchern an, sondern bei der Siebzehnjährigen, die Sie einmal waren, weil wir ungefähr in dem Alter sind. Sie waren mit siebzehn jeden Tag freiwillig im Training, in einem System, von dem Sie später gesagt haben, es habe Sie zerstört. Was hat Ihnen daran gefallen?
Antwort: Ich bin mir nicht sicher, ob das mit dem Training so freiwillig war. Ich war mit 14 von zu Hause rausgeworfen worden und kam in ein Sprachen-Internat. Dort musste man unterschreiben, dass ich Russischlehrerin werden würde. Das wollte ich nicht, also suchte ich einen Ausweg. Das war der Sport. Ich rannte, weil ich etwas wegrennen musste. Das würde ich heute darüber sagen. Damals rannte ich einfach. Ich rannte und rannte. Ich wäre auch zweimal um die Welt gerannt, so unglücklich war ich. Beim Laufen konnte ich mich aushalten.
Dieses Training hatte eine Seite, die Sie damals nicht kannten. Sie haben Mittel bekommen, ohne zu wissen, was es war, weil Erwachsene gesagt haben, das sei in Ordnung. Gab es ein Signal, das Sie damals überhört haben?
Antwort: Alles, was ich dazu sagen könnte, sage ich von heute aus mit dem Wissen eines Staatsdopingsystems. Damals gab es eine unglückliche Jugendliche, die sich in den Sport gerettet hatte. Sicherlich hat sie überhört, aber es war ein System, das ganz bewusst Informationen entzog. Entzogenes Wissen ist das grausamste Wissen.
Jahrzehnte später saßen Sie deswegen vor Gericht. Sie waren Nebenklägerin im Prozess gegen die Verantwortlichen des Zwangsdopings. Was hat Ihnen dieses Urteil gegeben, das Sie vorher nicht hatten?
Antwort: Vor allem die Informationen, die wir als Athleten gebraucht hätten. Es gab im Prozess einen medizinischen Gutachter, der über die Prozesstage die Nach und Nebenwirkungen von männlichen Steroiden erläuterte. Das war für alle Nebenklägerinnen ein Schock, weil sich die Schäden nun mit der Sportzeit verbanden.
Wir würden gern zu dem Punkt springen, an dem Sie dieses Land verlassen haben. Sie waren neunundzwanzig, als Sie über Ungarn geflohen sind und mussten alle zurücklassen, die Sie kannten. Wen haben Sie damals nicht eingeweiht, obwohl Sie es gern getan hätten?
Antwort: Ich habe bis auf meinen Bruder und meine beste Freundin niemanden eingeweiht, weil es nicht nur für mich, sondern auch für die anderen zu gefährlich gewesen wäre. Die beiden waren mein Lebenskern. Das ging so in Ordnung.
Aus diesem Leben sind später Ihre Bücher geworden. Uns interessiert, was das Schreiben mit Ihnen macht, nicht nur, was dabei herauskommt.
Antwort: Die Themen, die mir in meinen Büchern wichtig sind, sind oft genug entzündliche gesellschaftliche Themen. Dafür gehe ich erst einmal gründlich ins Archiv. Ich liebe diesen Moment, wo mir eine Quelle etwas von einer Realität erzählt, die ich niemals so erwartet hätte. Ich liebe diese Art Überraschung, weil sie mein Denken verändert. Von diesem neuen, unverhofften Punkt aus fange ich dann an zu schreiben. Ich bin keine Konzeptschreiberin. Das heißt, ich glaube an die Integrität der Quellen. Sie führen mich an einen Punkt, wo ich vorher nicht war. Das heißt, ich bin nach einem Buch eine andere als vorher. Ich könnte nicht schreiben, wenn ich vorher schon wüsste, was am Ende als Text herauskommen soll. Schreiben ist für mich Prozess, Veränderung.
Sie haben einmal gesagt, Schreiben helfe beim Verstehen. Gibt es etwas, das durch das Aufschreiben schlimmer geworden ist statt besser?
Antwort: Ist ein Schmerz etwas Besseres, etwas Schlimmeres? Es fühlt sich in jedem Fall richtiger an, durch einen Schmerz im Schreiben hindurchzugehen, um etwas kenntlich zu machen. Vielleicht, weil man hofft, dass es nach dem Schmerz besser wird. Aber erstmal ist ein Schmerz natürlich echt übel, muss übel sein.
Ihre Bücher decken auf, dass Erinnerung trügt. Das gilt ja für jede Erinnerung. Wie prüfen Sie Ihre eigene Erinnerung an diese Jahre?
Antwort: Wie gesagt, mein Ausgangspunkt beim Schreiben ist die Quelle, das Archiv und damit ja oft das Unbekannte. Nicht als Unhintergehbarkeit, sondern in dem Wunsch, die eigenen Wörter sehr grundsätzlich auszusetzen. Sie müssen erstmal ins Taumeln kommen, dürfen zunächst nichts wissen. Sonst schreibe ich ja nur, was ich schon weiß. Das wäre ziemlich öde.
Wir würden jetzt gern von Ihnen zu uns kommen, denn Ihre Themen begegnen uns vor allem in der Schule. Sie schreiben darüber, dass Gesellschaften sich bequeme Versionen ihrer Vergangenheit zurechtlegen. Welche legen wir uns gerade über unsere Gegenwart zurecht?
Antwort: Puh, eine ziemliche Frage. Vielleicht wären wir miteinander als Gesellschaft ein Stück weiter, wenn wir uns sagen könnten: Wir sitzen alle in einem Boot. Niemand ist sicher. Die Konflikte der Welt sind immens, vielleicht zu groß für uns, aber wenn, können wir sie nur gemeinsam stemmen. Deutschland hat eine 80jährige stabile Demokratiegeschichte, naja Westdeutschland zumindest. Das ist wie ein fixes Bild. Aber ist dieses Gefühl der Unverwundbarkeit nicht etwas Bequemes?
Eine dieser Erzählungen betrifft direkt unsere Generation. Viele in unserem Alter wählen inzwischen rechts. Was zieht die an, das wir von außen zu schnell abtun?
Mein Eindruck ist, dass diejenigen, die richtig rechts gehen, diese Unverwundbarkeit gern konservieren würden. Es gefährdet sie, dass sich daran grundsätzlich etwas ändern könnte. Vielleicht wäre es hilfreich, diese Angst, diese enorme Fragilität mehr in den Blick zu bekommen.
Ihre Generation wusste genau, wogegen sie war. Uns wird gesagt, die Demokratie sei bedroht, aber wir sehen keinen Gegner, gegen den man aufstehen könnte. Was übersehen wir?
Antwort: Vermutlich übersehen Sie nichts. Sie wissen, dass das Klima sich enorm verändert, dass es immer mehr Autokraten gibt und die Kriege zunehmen, dass sich die Welt in einem brutalen Ressourcenkampf auf allen Ebenen befindet. Es sind Konflikte, die wir Alten verursacht haben und mit denen Sie unabsehbar konfrontiert werden. Aber vielleicht wäre es denkbar, sich eine Welt aus Ihrer Perspektive vorzustellen. Welche Ideen haben Sie? Was wollen Sie auf dieser Welt? Sollten wir uns nicht wenden von dieser Gegnerkonstellation? Unsere Köpfe sind so benetzt davon.
Eine letzte Frage haben wir noch: Sie schreiben seit dreißig Jahren über Gewaltgeschichte, über Doping, über Amokläufe. Wie halten Sie das aus, ohne zynisch zu werden?
Antwort: Zynismus bringt gar nichts. Ja, es gibt enorm viel Gewalt in dieser Welt, aber Analyse, Reflexion, Sprache halte ich immer noch für adäquate Werkzeuge, um sich gegen sie aufzustellen. Ich komme aus dem Sport. Da ist man zäh.
