Diden Zeylan: Stop and Think

Kennst du das?

Diesen Dialog mit dir selbst.

„Ja, macht Sinn.“

„Wobei … eigentlich nicht.“

„Doch.“

„Nein.“

„Egal.“

Und dann macht man weiter.

Alles von vorn’

oder einfach viel mehr.

Ich kenne diesen Dialog.

Leider ziemlich gut.

Ich habe mich schon so oft mit mir selbst unterhalten,

dass ich manchmal nicht mehr weiß,

ob ich eigentlich nachdenke

oder nur noch Protokoll über mein eigenes Chaos führe.

Denken ist anstrengend.

Verdammt anstrengend.

Es hat keinen Ausschalter.

Keinen Knopf den du drücken kannst.

Keine Fernbedienung die du bedienen kannst.

Du kannst dich nicht einfach aus deinem Kopf ausloggen

und sagen:

Für heute reicht’s.

Es ist zu viel.

Ich kann nicht mehr, oder; 

ich will nicht mehr.

Der Kopf macht Überstunden.

Er nimmt einen Satz von gestern

und stellt ihn dir heute noch einmal vor.

Nur anders.

Mit einer anderen Perspektive.

Mit einer neuen Idee.

Mit diesem kleinen, unangenehmen Gedanken:

Was, wenn ich falsch liege?

Oder was, wenn ich etwas vergesse.

Und ich glaube,

genau an diesem Gedanken

beginnt etwas sehr Wertvolles.

Denn vielleicht ist Denken gar nicht das,

was wir tun,

wenn wir keine Antwort haben.

Vielleicht ist Denken das,

was wir tun,

damit wir nicht jede Antwort glauben,

nur weil sie zuerst in unserem Kopf aufgetaucht ist.

Wir leben in einer Welt,

die wahnsinnig schnell ist.

Schneller als unsere Überlegung.

Schneller als unsere Meinung.

Schneller als unsere Fähigkeit,

zu verstehen, worüber wir eigentlich gerade urteilen.

Ein Wort.

Ein Kommentar.

Ein Mensch.

Ein Bild.

Ein 

„Das war halt mein erster Eindruck“

oder 

„Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“.

Gesendet.

Geliked.

Geteilt.

Weiter.

Und irgendwo zwischen Impuls und Handlung

liegt ein winziger Raum.

So klein,

dass man ihn leicht übersieht.

Aber groß genug für eine Frage.

Warte.

Warum denke ich eigentlich so?

Und genau dort beginnt die Verantwortung.

Hannah Arendt hat diesen Gedanken radikal gemacht.

Sie sprach vom Denken als einer Art innerem Dialog.

Nicht:

Was ist die richtige Antwort?

Sondern:

Kann ich mit mir selbst leben,

wenn ich die Antwort anderer zur meiner mache?

Denn das Gefährliche am Menschen

ist nicht nur, dass er Böses wollen kann.

Das Gefährliche ist auch,

dass er aufhören kann zu fragen.

Dass ein Mensch irgendwann nicht mehr sagt:

„Ich entscheide.“

Sondern:

„Man macht das eben so.“

Man hat es so gesagt.

Alle haben es so gemacht.

Es war normal.

Es war Gesetz.

Es war Gehorsam.

Es war bequem.

Und plötzlich kann aus einem Menschen,

der vielleicht niemals morgens aufgestanden ist und dachte

Heute werde ich böse sein,

ein Mensch werden,

der Dinge tut,

die er niemals hätte tun dürfen.

Nicht immer beginnt das Böse mit Hass.

Manchmal beginnt es mit Gedankenlosigkeit.

Mit einem fehlenden Moment.

Mit einem:

„Wird schon stimmen.“

Und deshalb ist Innehalten

keine Pause vom Leben.

Vielleicht ist es die Bedingung dafür,

überhaupt selbst darin zu stehen.

Aber Denken heißt nicht,

dass man immer recht hat.

Im Gegenteil.

Vielleicht ist der ehrlichste denkende Mensch

nicht der, der die besten Antworten besitzt.

Sondern der,

der seine eigenen Antworten noch einmal

gegen das Licht hält.

Der sagen kann:

Ich dachte das.

Aber jetzt weiß ich mehr.

Also muss ich vielleicht anders denken.

Das ist kein Versagen.

Das ist Entwicklung.

Und vielleicht ist genau das

eine der schwierigsten Formen von Mut:

nicht seine Meinung zu verteidigen,

sondern sie verändern zu können.

Denn wir werden geprägt.

Von unseren Eltern.

Von unserer Erziehung.

Von unseren Freundschaften.

Von der Schule.

Von Büchern.

Von Medien, wo Kommentarspalten erfunden worden, bevor wir überhaupt gelernt haben, Kommentare auszuhalten.

Von dem, was gesagt wird.

Aber noch stärker

von dem, was nie gesagt wird.

Schon merkwürdig…

Wir wollen unbedingt gehört werden.

Aber sobald jemand antwortet, hören wir auf zuzuhören.

Verteidigen unsere Meinung, als hätten wir sie selbst geboren.

Wie schnell wir „Ich bin eben so“ sagen.

Als wäre Persönlichkeit ein Naturgesetz.

Wir übernehmen Wörter,

bevor wir ihre Geschichte kennen.

Wir übernehmen Bilder,

bevor wir wissen,

wer darauf fehlt.

Wir übernehmen Vorurteile,

bevor wir überhaupt wissen,

dass es Vorurteile sind.

Und manchmal sagen wir etwas Rassistisches,

Diskriminierendes,

Beleidigendes,

nicht weil wir morgens aufstehen

und beschließen:

Heute verletze ich jemanden.

Sondern weil wir nie stehen geblieben sind,

um zu fragen:

Woher kommt dieser Gedanke eigentlich?

Und dann korrigiert dich jemand.

Und plötzlich hast du eine Wahl.

Du kannst dich beleidigt fühlen.

„Man darf ja heutzutage gar nichts mehr sagen.“

Du kannst dich verteidigen.

„So war das doch gar nicht gemeint.“

„Ich bin kein schlechter Mensch.

„Das wollte ich nicht.“

Und

„So bin ich nicht.“

Und vielleicht stimmt das sogar.

Vielleicht wolltest du niemanden verletzen.

Aber Absicht

löscht Wirkung nicht aus.

Und Kritik

ist nicht automatisch ein Angriff.

Manchmal ist sie eine Einladung.

Eine Einladung,

für einen Moment aufzuhören.

Du kannst den Menschen also verantwortlich machen,

der dir gerade erklärt,

warum deine Worte verletzt haben.

Oder;

du kannst zuhören.

Einfach zuhören.

Und für einen Augenblick

nicht der Mittelpunkt deiner eigenen Geschichte sein.

Wenn ein Mensch dir von Diskriminierung erzählt,

die du selbst nie erfahren hast,

dann ist das keine Niederlage deiner Biografie.

Es ist Wissen,

das dir bisher gefehlt hat.

Eine Perspektive,

zu der du keinen eigenen Schmerz besitzen musst,

um sie ernst zu nehmen.

Eine kostenlose Unterrichtsstunde

von einem Menschen,

der etwas über diese Welt weiß,

weil er sie anders erleben musste als du.

Vielleicht erlebst Du eine der seltensten Formen von Großzügigkeit:

dass dir jemand

seine Erfahrung schenkt,

obwohl du diese Erfahrung

niemals selbst machen musstest.

Empathie beginnt genau an dieser Grenze:

Dort, wo mein eigenes Erleben nicht mehr ausreicht.

Denn du musst nicht alles selbst erlebt haben,

um Verantwortung dafür zu übernehmen,

dass andere Menschen es erleben.

Und vielleicht ist das eine der wichtigsten Fähigkeiten

eines sozialen Wesens:

zu wissen,

dass die eigene Erfahrung

nicht die Grenze der Wirklichkeit ist.

Und ja;

Denken kann weh tun.

Denken wird weh tun.

Denn wenn du wirklich denkst,

kannst du dich selbst nicht immer bequem finden.

Du wirst Stellen entdecken,

an denen du ungerecht warst.

Feige.

Eitel.

Unwissend.

Du wirst feststellen,

dass manche deiner Überzeugungen

gar nicht aus dir selbst stammen.

Und vielleicht wirst du irgendwann

vor deinem eigenen Denken sitzen

und dir wünschen,

du könntest für einen Moment

einfach nichts fühlen.

Nichts hinterfragen.

Nichts auseinandernehmen.

Nichts verstehen müssen.

Aber ich habe mehr Angst vor dem Gegenteil.

Davor,

dass mir irgendwann alles egal ist.

Davor,

dass ich nicht mehr weiß wie Empfindung sich anfühlt.

Davor,

dass Nihilismus zu meiner Überlebensstrategie wird.

Denn vielleicht ist es anstrengend,

sich selbst zu hinterfragen.

Aber es ist gefährlicher,

wenn wir es nicht mehr tun.

Und wenn du heute –

in genau diesem Moment, oder 

im Laufe des Abends

merkst:

Ich hätte das anders machen müssen.

Dann ist das nicht das Ende.

Dann ist da vielleicht zum ersten Mal

dieser kleine Raum.

Zwischen dem,

was war,

und dem,

was du als Nächstes tust.

Bleib’ stehen.

Sieh dich um.

Du besitzt etwas Unbequemes.

Etwas Kostbares.

Die Möglichkeit,

dir selbst zu widersprechen

und dir selbst neu zu begegnen.

Es ist nie zu spät zum Nachdenken.

Nicht nach dem ersten Fehler.

Nicht nach dem hundertsten.

Nicht, wenn du dich schämst.

und nicht, wenn du dachtest,

du hättest es längst besser wissen müssen.

Denn wenn Korrektur nur noch Demütigung bedeutet,

lernen am Ende alle nur noch, besser zu schweigen.

So

Stop.

And

Think.

And then,

Go.

Aber geh nicht einfach weiter.

Geh bewusst.

(Move with awareness.

Move mindfully.

Because we may not have chosen the world that shaped us, but we can choose the world we want to create.)

Denn nicht alles, was uns geprägt hat, muss uns weiter regieren,

Und nicht alles, was uns geprägt hat, muss weiter existieren.

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