Nicht die Wahrheit rettet uns, sondern die Freundschaft.

Ein Interview von Erik, Jan und Hasan (Jahrgang 11) mit Prof. Roger Berkowitz.

Roger Berkowitz ist Gründer und Academic Director des Hannah Arendt Center for Politics and Humanities am Bard College in New York, wo er Politik, Philosophie und Menschenrechte lehrt. Er gilt als einer der einflussreichsten Arendt Forscher der Gegenwart, gibt die Zeitschrift HA: The Journal of the Hannah Arendt Center heraus und schreibt den wöchentlichen Newsletter Amor Mundi.

2019 wurde ihm der Hannah Arendt Preis für politisches Denken der Heinrich Böll Stiftung verliehen. 2026 erscheint bei Yale University Press sein neues Buch mit dem Titel A World We Share: The Power of Friendship in a Time Without Truth, dessen Kernthese ist, dass Freundschaft statt Wahrheit Bindemittel einer zerrissenen Gesellschaft sei.

Herr Berkowitz, Ihr Vortrag handelt von der Kraft der Freundschaft in einer zerbrochenen Welt. Ehrlich gefragt: was genau ist eigentlich zerbrochen? Wir sind siebzehn. Wir haben die Welt nie in einem anderen Zustand kennengelernt. Für uns war sie von Anfang an nie ganz.

Ich mag diese Frage. Ich möchte die Prämisse zugestehen. Ich meine nicht, dass es einmal eine heile Welt gab und diese Welt seitdem zerbrochen ist, jeder Generation wird gesagt, sie sei zu spät gekommen. Eure Generation lebt natürlich in der Welt, die wir euch gegeben haben, einer Welt, die ihr, wie ich hoffe, lieben könnt.

Wenn ich von der zerbrochenen Welt spreche, meine ich zunächst das, was Hannah Arendt den Bruch der Tradition nennt. Nietzsche sprach vom Tod Gottes, was zugleich der Verlust der Wahrheit ist. Der Traditionsbruch ist die weltliche Erscheinungsform dieses Verlusts. Es ist der Verlust der Religion als lebendiges Band, das die Welt sinnvoll macht; es ist der Verlust der Wahrheit als beherrschbare und erkennbare Wirklichkeit; es ist der Verlust der Traditionen, die unsere Welt ordnen und ihr einen Sinn geben; und es ist der Verlust familiärer, nationaler und gemeinschaftlicher Bindungen, die uns in gemeinsamen Zielen verbinden. Nach dem Traditionsbruch sind wir jeder für sich allein, als vereinzelte Individuen.

Arendt vergleicht die Welt mit einem Tisch, um den herum Menschen sitzen: er trennt uns und verbindet uns zugleich. Wenn der Tisch verschwindet, sind die Menschen nicht mehr getrennt, aber sie stehen auch nicht mehr in Beziehung zueinander. Das meine ich mit zerbrochen: nicht dass die Dinge schlechter sind als in einer mythischen Vergangenheit, sondern dass wir immer weniger Orte haben, an denen wir uns mit Menschen zusammensetzen, die wir uns nicht ausgesucht haben, und über etwas sprechen, das nicht wir selbst sind. Wir haben immer weniger Orte, an denen wir gemeinsam mit anderen eine gemeinsame Welt bauen. Die zerbrochene Welt bedeutet, dass die Welt, die wir teilen, immer weniger sichtbar wird.

Arendt schrieb über Menschen, die nicht denken. Glauben Sie, dass dieses Problem durch soziale Medien wächst und dass es die Politik verändert?

Mit Gedankenlosigkeit meinte Arendt vor allem nicht Dummheit. Sie meinte damit die Unfähigkeit, aus der Perspektive anderer zu denken. Wir alle leben mit Vorurteilen und sind in unseren Perspektiven gefangen. Das ist menschlich. Aber es ist ebenso menschlich, mit anderen zu sprechen, unsere Perspektiven zu erweitern, unsere Vorurteile herauszufordern. Gedankenlosigkeit ist die Unwilligkeit oder die Unfähigkeit, aus der Perspektive anderer zu denken.

Wenn wir uns in unseren eigenen Perspektiven verschanzen, wird Denken schwierig, wenn nicht unmöglich. Was sie an Adolf Eichmann feststellte, war, dass er fast ausschließlich in Klischees sprach und dass er nichts von der Position eines anderen aus sehen konnte.

Soziale Medien machen Menschen nicht dumm, aber sie liefern fertige Phrasen schneller, als irgendjemand denken kann, und sie belohnen dafür, diese zu benutzen. Die Algorithmen der sozialen Medien verstärken unsere Vorurteile und Perspektiven. Sie schüren Wut auf andere. Die politische Wirkung ist, dass man zu fast allem eine starke Meinung haben kann, ohne je wirklich darüber nachgedacht zu haben, ohne je ernsthaft ein Gespräch mit jemandem geführt zu haben, der sich auskennt und grundlegend anderer Meinung ist. Es stimmt also: soziale Medien verstärken eine menschliche Neigung, die eine pluralistische Politik immer schwieriger und fragiler macht.

2017 haben Sie Marc Jongen von der AfD an Ihr Zentrum eingeladen. Würden Sie diese Einladung heute erneut aussprechen, und was hat Ihnen diese Episode gelehrt?

Ich habe mich für Marc Jongen entschieden, weil ich jemanden bei der Konferenz haben wollte, der intelligent und nachdenklich war und dennoch eine ganz andere Sichtweise vertrat. Ich wollte niemanden, der so bekannt war, dass seine Anwesenheit einen Zirkus verursacht hätte. Ich wollte jemanden, der eine ernsthafte, schwierige, intellektuelle Auseinandersetzung ermöglicht, jemanden, der liberalen Studierenden erklären konnte, warum viele Menschen anderer Meinung waren.

Als ich Jongen einlud, kannte ihn kaum jemand in Deutschland, geschweige denn in den USA. Das änderte sich natürlich, als er kurz vor der Konferenz in den Bundestag gewählt wurde. Ich lade normalerweise keine Politiker ein, weil sie meist langweilig sind und wenig sagen. Aber ich hatte ihn bereits eingeladen, und er stimmte zu, neunzig Minuten lang Fragen zu beantworten, und verzichtete auf jedes Honorar.

Es gibt keinen besseren Weg, politische Gegner zu verstehen, als mit ihnen zu sprechen. Die Studierenden bei der Konferenz stritten heftig mit Jongen. Zu ihrer Überraschung stritt er zurück. Er schrie nicht und tobte nicht. Sein Vortrag war der Höhepunkt der Konferenz, gerade weil er so verstörend war, und zugleich so fesselnd. Die Teilnehmenden waren gezwungen, sich mit einem rationalen und durchdachten Argument für das auseinanderzusetzen, was die meisten für eine illiberale und potenziell rassistische, einwanderungsfeindliche Agenda hielten, und weiterhin hielten, als die Konferenz zu Ende war. An diesem Tag geschah echtes Denken und Lernen. Es bestätigte, was ich seit langem glaube: dass freies Denken Widerspruch braucht. Wie John Stuart Mill sagte: „Sowohl Lehrende als auch Lernende schlafen an ihrem Posten ein, sobald kein Feind mehr im Feld steht.“

Sie fragten, was ich gelernt habe. Ich habe gelernt, dass es leichter ist, einen Brief zu unterschreiben, der jemanden verurteilt, als sich mit jemandem in einen Raum zu setzen und zu versuchen, über die eigenen Differenzen hinweg mit ihm zu sprechen.

Ich habe auch gelernt, dass man, wenn man das Richtige tut, wenn man mit Integrität handelt, mit den Konsequenzen leben kann. Ich glaubte damals, und ich glaube es heute noch fest, dass es richtig war, Jongen einzuladen und mit ihm ins Gespräch zu kommen. Zum Glück stimmten mir die meisten Menschen, die Jongen bei der Konferenz gehört hatten, weitgehend zu. Ja, ich habe dadurch einige Freunde verloren. Aber damit bin ich einverstanden, denn ich habe andere gefunden, und ich bin überzeugt, dass ich das Richtige getan habe. Bezeichnend finde ich, dass niemand, der bei der Konferenz anwesend war, einen der öffentlichen Briefe gegen die Einladung Jongens unterschrieben hat. Mehr noch: viele derjenigen, die die Briefe gegen mich unterschrieben haben, haben sich seither entschuldigt. Auch das hilft.

Arendt ist inzwischen als Graphic Novel und als Theaterstück verfügbar, und hier ist diesem Thema ein ganzer Abend gewidmet. Unser Kurs beschäftigt sich mit Kunst und Politik, deshalb interessiert uns das: kann man über Bilder zu ihrem Denken vordringen, oder geht dabei etwas verloren?

Jedes Mal, wenn ich Arendt unterrichte, stellt sich die Frage: verhindere ich dadurch, dass ich sie den Menschen erkläre, dass sie selbst darum ringen, sie zu lesen und zu verstehen? Deshalb unterrichte ich durch genaues Lesen. Ich möchte, dass sie Arendt lesen. Ich helfe ihnen vielleicht, sie besser zu lesen, aber sie lesen sie trotzdem selbst.

Ich unterstütze es, Arendt zugänglich zu machen. Was mich beunruhigt, ist, wenn Menschen versuchen, die Begegnung mit Arendt selbst zu ersetzen. In einem Roman, einem Film oder einem Theaterstück wird also etwas gewonnen und etwas verloren. Arendt glaubte, dass eine Geschichte die Bedeutung eines Ereignisses zeigen kann, ohne es zu einer Definition zu verflachen. Ein Bild kann einem einen Menschen geben, eine Situation, ein Gesicht, man denke nur an die Fred Stein Fotografien in eurem eigenen Foyer. Was ein Bild nicht kann, ist, einen Argumentationsgang nachvollziehen zu lassen, und bei Arendt liegt genau darin der Sinn. Sie wollte keine Leser, die ihr zustimmten. Sie wollte Leser, die dachten. Eine Graphic Novel kann einen Anfang setzen. Sie kann einen nicht zu Ende bringen. Es ist gut, wenn man dadurch zum Denken angeregt wird, noch besser, wenn man danach auch ihre Bücher liest.

Sie beschäftigen sich seit etwa zwanzig Jahren mit Hannah Arendt. Hat sich Ihre Lesart von ihr in dieser Zeit verändert? Gibt es eine eigene Interpretation, die Sie heute nicht mehr vertreten würden?

Ja, einiges hat sich verändert. Ich habe Jahre gebraucht, um ihre These zu verstehen, dass Freiheit nicht freier Wille ist, nicht die Fähigkeit, zu tun, was man will, sondern die Macht, mit anderen zu handeln. Ich habe diesen Satz lange gelesen, bevor ich ihn verstanden habe.

Wenn Menschen mich fragten, warum man Arendt lesen sollte, sagte ich früher: Sie ist die große Denkerin der Freiheit. Heute sage ich: es ist, weil sie die große Denkerin der Bedeutung eines sinnvollen Lebens ist. Ich habe mein Verständnis dessen vertieft, was sie antreibt.

Und es gibt noch eine weitere Verschiebung, die ich erwähnen möchte: ich dachte früher, unser zentrales politisches Problem sei der Angriff auf Wahrheit und Fakten. Arendt wird ständig herangezogen, um die Ansicht zu stützen, die Wahrheit werde uns retten. Arendt legte Wert auf das Sagen der Wahrheit. Aber was die Wahrheit ist, bleibt kompliziert. Ich denke inzwischen, das war zu einfach gedacht. Wir haben reichlich Gewissheit; was uns fehlt, ist die Fähigkeit, in einer Welt mit Menschen zu bleiben, die wir für im Unrecht halten. Deshalb handelt mein neues Buch von Freundschaft und nicht von Wahrheit.

Arendt sagt, man müsse mit sich selbst in Ruhe sprechen können, bevor man Verantwortung übernehmen kann. Wir sind praktisch nie allein. Es läuft immer etwas, ein Telefon, Musik, ein Chat. Halten Sie das für ein echtes Problem, oder klingt das einfach nach dem üblichen Gerede über junge Menschen heute?

Ich werde Ihnen nicht sagen, dass dies ein Problem Ihrer Generation ist, ich schaue genauso oft auf mein Telefon wie Sie, und diejenigen, die sich darüber am lautesten beschweren, sind meist selbst die schlimmsten Übeltäter. Aber ja, ich halte es für ein echtes Problem, und zwar nicht, weil Ablenkung unproduktiv macht. Arendt dachte, Denken sei ein Gespräch zwischen mir und mir selbst, was bedeutet, dass man es nur führen kann, wenn niemand sonst da ist. Und sie traf eine Unterscheidung, die ich sehr hilfreich finde: in der Einsamkeit hat man sich selbst zur Gesellschaft; in der Verlassenheit ist man selbst von sich selbst im Stich gelassen. Ihre Sorge war nicht, dass einsame Menschen unglücklich sind. Sie war, dass ein Mensch, der nie mit sich selbst allein ist, nie zu jemandem wird, der mit dem leben muss, was er getan hat.

Eines möchte ich zugunsten Ihrer Generation sagen. Viele meiner Studierenden können ihr Telefon sehr gut weglegen, wenn sie arbeiten müssen. Sie wissen, wie man unverbunden und offline bleibt. Sie suchen aktiv die Einsamkeit. Das finde ich vielversprechend.

Am Abend Ihres Vortrags zeigt das Foyer Fotografien von Fred Stein, der wie Arendt fliehen musste und keinen Pass hatte. Ihr Satz über das Recht, Rechte zu haben, entstammt genau dieser Erfahrung. Ist dieser Satz heute wichtiger als 1951? Und was bedeutet er gerade jetzt für die Vereinigten Staaten, wo Sie leben?

Arendts Satz über das Recht, Rechte zu haben, wird weithin missverstanden. Für sie ist das Recht, Rechte zu haben, etwas, dessen wir uns bewusst werden, nachdem wir gesehen haben, mit welcher Brutalität und bürokratischen Effizienz Menschen überflüssig gemacht und getötet werden können. Es war inmitten des Schreckens der totalitären Herrschaft und der Konzentrationslager, dass wir uns, wie sie argumentierte, etwas Grundlegendes über die Menschheit bewusst wurden. Es ist nicht so, dass Menschen ein Recht auf Leben, Wohnen oder Nahrung hätten. Auf einer sehr realen Ebene haben wir das nicht. Wir werden sterben. Man kann uns töten. Wir können hungern. Mehr noch: auch Tiere leben und essen.

Was uns zu Menschen macht, ist nicht, dass wir am Leben sind, sondern dass wir ein sinnvolles Leben führen können. Was unserem Leben Sinn gibt, sind die Geschichten, die wir und andere über uns erzählen. Es bedeutet, dass Menschen uns sehen, uns zuhören und auf uns reagieren. Dass sie uns als würdevolle Personen behandeln und anerkennen, dass das, was wir sagen und tun, in der Welt zählt.

Was Arendt, wie auch andere Geflüchtete wie Fred Stein, erlebte, war, dass Menschenrechte im Abstrakten wenig bedeuteten. Auf das Wohlwollen Fremder angewiesen zu sein, bedeutete für die Juden Europas wenig. Was gebraucht wurde, war eine politische Gemeinschaft, in der sie sprechen und handeln und sich dafür einsetzen konnten, mit Würde behandelt zu werden. Deshalb sagte sie, das grundlegende Recht sei das Recht, Rechte zu haben, das Recht, überhaupt einer politischen Gemeinschaft anzugehören. Es ist das Recht, gehört zu werden, anerkannt zu werden. Es ist das Recht, zu sprechen und zu handeln. Und es ist das Recht, dass man, wenn die politische Gemeinschaft einem dieses Recht verweigert, sprechen und handeln kann, um dieses Recht einzufordern.

Dieses Recht, zu sprechen und zu handeln und gesehen und gehört zu werden, ist heute genauso dringlich wie 1951; es gibt heute weit mehr staatenlose Menschen als damals. Und in meinem eigenen Land ist das eine ganz lebendige Frage: ob das Geburtsrecht auf Staatsbürgerschaft Bestand hat, ob Menschen ohne Anhörung abgeschoben werden können, ob die Regierung eine Person außerhalb der Reichweite jedes Gesetzes stellen kann. Das sind hier keine abstrakten Fragen. Es sind die Fragen dieses Jahres. Was Arendt uns gelehrt hat, ist, dass das Recht, Rechte zu haben, das Recht ist, Teil einer Gemeinschaft zu sein, und dass dies auch davon abhängt, dass man selbst spricht und handelt und dieser Gemeinschaft beitritt, ob man nun eingeladen wurde oder nicht.

Das diesjährige Motto lautet innehalten und nachdenken. Wirkt sich das auf Ihr eigenes Leben aus, zum Beispiel mitten in einem Streit mit jemandem? Wann haben Sie zuletzt innegehalten und Ihre Meinung geändert?

Absolut. Wir alle brauchen diese Erinnerung, innezuhalten und nachzudenken. Der schwierigste Ort, um innezuhalten und nachzudenken, ist genau der, den Sie genannt haben, mitten in einem Streit. Wenn ich einen Streit gewinne, denke ich überhaupt nicht nach, ich agiere nur. Wenn ich einen Streit verliere, bin ich wütend und denke ganz sicher auch nicht nach.

Arendt dachte, das Denken unterbreche alles andere, was man gerade tut, und der Grund, warum das wichtig ist, liegt darin, dass es der Moment ist, in dem man fähig wird zu urteilen, statt nur zu reagieren.

Sie fragen, wann ich zuletzt innegehalten und meine Meinung geändert habe. Großartige Frage! Diese sollten Sie jedem stellen, besonders jedem Politiker. Ich sage meinen Studierenden gerne: ich würde jeden Politiker wählen, der mitten in einer Debatte innehält, nachdenkt und sagt: wissen Sie was, ich nehme mir den Einwand meines Gegners zu Herzen und habe meine Meinung geändert. Ich habe das noch nie erlebt, aber ich würde es lieben.

Lassen Sie mich noch sagen: seine Meinung zu ändern bedeutet nicht, seine frühere Position vollständig aufzugeben. Die Veränderung kann subtil sein. Die beste Art von Veränderung geschieht im Gespräch mit einem Freund oder einer anderen Person, in dem man die eigenen Fehler erkennt und der Freund seine eigenen Fehler erkennt. Die Veränderung ist zweiseitig. Man erkennt beide, dass man in den eigenen Argumenten zu einseitig war, und man bewegt sich beide auf eine gemeinsame Mitte zu. Das erlebe ich häufig in Gesprächen mit Freunden.

In den letzten drei Jahren habe ich sehr mit Freunden gerungen, die unterschiedliche Positionen zum Krieg im Nahen Osten vertreten. Ich bin jüdisch. Ich unterstütze das Recht Israels zu existieren und glaube, dass die Existenz des einen jüdischen Staates der Welt wichtig ist, dass der Verlust dieses Staates eine Katastrophe wäre. Ich war über viele Jahre hinweg sehr kritisch gegenüber der israelischen Regierung und bin es weiterhin. Ich glaube auch, dass die Palästinenser ein Recht auf einen eigenen Staat haben. Aber ich glaube, dass Israel das Recht hat, sich zu verteidigen, wie jeder Staat.

Als die Hamas Israel am 7. Oktober 2023 angriff, war ich zutiefst erschüttert. Ich wollte, dass Israel eine mutige Haltung einnimmt, Frieden anbietet und einen Weg aus dem siebzig Jahre andauernden Kreislauf von Terror und Krieg findet. Aber als Israel sich entschied, dies nicht zu tun und militärisch zu antworten, unterstützte ich sein Recht dazu. Allerdings glaube ich, dass das israelische Kriegsziel, die Hamas zu vernichten, gescheitert ist, so wie die USA nach dem 11. September in ihrem Krieg gegen den Terror in Afghanistan gescheitert sind.

Die Behauptung, die viele, darunter viele meiner Studierenden und viele meiner Freunde, aufstellen, Israel begehe einen Völkermord, erscheint mir schlicht falsch.

Allerdings haben beide Seiten Kriegsverbrechen begangen. Und ich halte es für vertretbar, dass beide die Vertreibung der jeweils anderen Bevölkerung vom Land anstreben, die israelische Regierung durch das, was in Gaza und im Westjordanland geschieht, die Hamas durch das, was sie am 7. Oktober durch Terror und Krieg versucht hat, und durch das, was sie ausdrücklich erklärt, mit der Rückeroberung Palästinas vom Fluss bis zum Meer zu beabsichtigen.

Es ist nicht so, dass ich meine Position vollständig gewechselt hätte. Aber in drei Jahren oft intensiver und emotionaler Auseinandersetzungen mit Freunden, Studierenden, Kolleginnen und Kollegen und anderen habe ich mein Verständnis für das Leid der Palästinenser in Gaza und im Westjordanland deutlich erweitert, ebenso wie für die oft abstoßenden Handlungen und Äußerungen von Mitgliedern rechtsgerichteter Kräfte innerhalb der israelischen Regierung und der Siedler im Westjordanland. Ich bin eher bereit anzuerkennen, dass das, was die israelische Regierung tut, falsch ist, auch wenn ich nicht wirklich weiß, welche Wahlmöglichkeiten ihr bleiben. Ich hoffe, das beantwortet Ihre Frage.

Das Interview vor der Übersetzung

Your lecture is about the power of friendship in a broken world. Honestly asked: what exactly is broken? We are seventeen. We have never known the world in any other state. For us it was never whole in the first place.

I love that question. I want to concede the premise. I don’t mean that there was a whole world at one point and that world has since broken — every generation is told it arrived too late. Your generation of course lives in the world we have given you, one that I hope you can love.

When I speak of the broken world, I mean, first, what Hannah Arendt calls the break of tradition. Nietzsche spoke of the death of God, which is also the loss of truth. The break in tradition is the worldly manifestation of that loss. It is the loss of religion as a vibrant bond that makes the world meaningful; it is the loss of truth as a controlling and knowable reality; it is the loss of traditions that organize our world and make it make sense; and it is the loss of familial, national, and communal attachments that unite us in common purposes. After the break in tradition, we are abandoned each to ourselves as atomized individuals.

Arendt compares the world to a table that people sit around: it holds us apart and joins us at the same time. When the table disappears, people are no longer separated — but they are no longer related either. That is what I mean by broken: not that things are worse than in some mythic past, but that we have fewer and fewer places where we sit down with people we did not choose and talk about something that is not ourselves. We have fewer and fewer places where we build with others a common world. The broken world means that the world we share is less and less visible.

Arendt wrote about people who do not think. Do you believe that this problem is growing because of social media, and that it changes politics?

Arendt did not mean stupidity by thoughtlessness. Above all she meant the inability to think from the perspective of others. We all live with prejudices and are trapped in our perspectives. That is human. But it is also human to talk with others, to widen our perspectives, to challenge our prejudices. Thoughtlessness is the unwillingness or the inability to think from the perspective of others.

When we barricade ourselves in our own perspectives, thinking is hard, if not impossible. What she noticed in Adolf Eichmann was that he spoke almost entirely in clichés, and that he could not see anything from anyone else’s position.

Social media does not make people stupid, but it hands out ready-made phrases faster than anyone can think, and it rewards you for using them. The algorithms of social media reinforce our prejudices and perspectives. They foment rage at others. The political effect is that you can hold a strong opinion about almost anything without ever having really thought about it once, without having seriously had a conversation with someone knowledgeable who fundamentally disagrees with you. So yes, social media magnifies a human predilection that makes a pluralist politics ever more difficult and more fragile.

In 2017 you invited Marc Jongen of the AfD to your centre. Would you extend that invitation again today, and what did the episode teach you?

I chose to invite Marc Jongen because I wanted someone at the conference who was intelligent, thoughtful, and yet represented a very different viewpoint. I did not want someone who was so well known that their presence would cause a circus. I wanted someone who would have a serious, difficult, intellectual engagement, someone who would be able to explain to liberal students why many people disagreed with them.

When I invited Jongen, hardly anyone in Germany, let alone the U.S., knew who he was. Obviously that changed once he was elected to the Bundestag shortly before the conference. I don’t generally invite politicians because they are usually boring and say little. But I had already invited him and he agreed to answer questions for 90 minutes and waived any honoraria.

There is no better way to understand your political opponents than to talk with them. Students at the conference argued vigorously with Jongen. To their surprise, he argued back. He did not scream or rant. His talk was the highlight of the conference precisely because it was so unnerving–and engaging. Participants were forced to confront a rational and thoughtful argument for what most believed—and left the conference still believing—was an illiberal and potentially racist anti-immigrant agenda. Real thinking and learning happened that day. It confirmed what I have long believed: that free thinking requires challenge. As John Stuart Mill put it, „Both teachers and learners go to sleep at their post, as soon as there is no enemy in the field.“

You asked what I learned. What I learned is that it is easier to sign a letter condemning someone than to sit in a room with someone and try to talk to them across your differences.

I also learned that if you do what is right, if you act with integrity, you will be able to live with the consequences. I believed then, and still fully believe now, that inviting Jongen and engaging him was the right thing to do. Thankfully, the people at the conference who heard Jongen largely agreed with me. Yes, I lost some friends. But I am ok with that since I found others, and I am confident I was doing the right thing. To me it is telling that not one person who was at the conference signed any of the public letters against having Jongen. What is more, many of the people who signed the letters against me have since apologized. That also helps.

Arendt is now available as a graphic novel and as a play, and there is a whole evening devoted to that here. Our course is about art and politics, so this interests us: can you get to her thinking through pictures, or does something get lost on the way?

Every time I teach Arendt, there is the question: by explaining her to people do I prevent them from struggling to read her and understand her on their own? That is why the way I teach is through close readings. I want them to read Arendt. I may help them to read her better, but they still read her.

I support making Arendt accessible. What worries me is when people try to replace confronting Arendt herself. So in a novel or movie or play, something is gained and something is lost. Arendt believed a story can show the meaning of an event without flattening it into a definition. A picture can give you a person, a situation, a face — look at the Fred Stein photographs in your own foyer. What a picture cannot do is make you follow an argument, and with Arendt the following is the point. She did not want readers who agreed with her. She wanted readers who thought. A graphic novel can start you. It cannot finish you. It is all good if you are provoked into thinking; even better if you also read her books.

You have been working on Hannah Arendt for around twenty years. Has your reading of her changed in that time? Is there an interpretation of your own that you would no longer defend today?

Yes, quite a lot. It took me years to understand her claim that freedom is not free will — not being able to do what you want, but having the power to act with others. I read that sentence for a long time before I understood it.

When people asked „why read Arendt,“ I used to say: She is the great thinker of freedom. Now I say, it is because she is the great thinker of the importance of living a meaningful life. I’ve deepened my understanding of what drives her.

And there is another shift I would mention: I used to think our central political problem was the assault on truth and facts. Arendt is mobilized constantly to support the view that truth will save us. Arendt valued telling the truth. But what the truth is remains complicated. I now think that was too easy. We have plenty of certainty; what we lack is the ability to stay in a world with people we think are wrong. That is why my new book is about friendship rather than about truth.

Arendt says you have to be able to talk to yourself in peace before you can take responsibility. We are practically never alone. There is always something running, a phone, music, a chat. Do you consider that a real problem, or does it just sound like the usual talk about young people today?

I am not going to tell you this is a problem with your generation — I check my phone as often as you do, and the people who complain loudest about it are usually the worst offenders. But yes, I think it is a real problem, and not because distraction makes you unproductive. Arendt thought that thinking is a conversation between me and myself, which means you can only do it when no one else is there. And she made a distinction I find very useful: in solitude you have yourself for company; in loneliness you are deserted even by yourself. Her worry was not that lonely people are unhappy. It was that a person who is never alone with himself never becomes someone who has to live with what he has done.

I will say one thing for your generation. Many of my students are very good at putting their phones away when they need to work. They know how to remain unplugged and disconnected. They seek out solitude. To me that is promising.

On the evening of your lecture the foyer shows photographs by Fred Stein, who had to flee like Arendt and had no passport. Her sentence about the right to have rights comes out of that experience. Is that sentence more important today than it was in 1951? And what does it mean right now for the United States, where you live?

Arendt’s sentence about the right to have rights is widely misunderstood. For her, the right to have rights is something we become aware of after we see with what brutality and bureaucratic efficiency people can be made superfluous and killed. It was amidst the horror of totalitarian domination and the concentration camps that, she argued, we became aware of something fundamental about humanity. It is not that humans have rights to live or housing or to food. On a very real level, we don’t. We will die. We can be killed. We can go hungry. What is more, animals also live and eat.

What makes us human is not that we are alive, but that we can live meaningful lives. What gives our lives meaning are the stories we and others tell about us. It is that people see us, listen to us, and respond to us. They treat us as dignified persons and recognize that what we say and do matters in the world.

What Arendt, along with other refugees like Fred Stein, experienced was that human rights meant little in the abstract. Depending on the philanthropy of strangers meant little to the Jews of Europe. What was needed was a political community in which they could speak and act and mobilize to be treated with dignity. That is why she said the fundamental right is the right to have rights, the right to belong to a political community at all. It is the right to be heard, to be recognized. It is the right to speak and act. And it is the right that when the political community refuses you that right, you can speak and act to claim that right.

This right to speak and act and be seen and heard is just as urgent now as in 1951; there are far more stateless people today than there were then. And in my own country it is a live question: whether birthright citizenship holds, whether people can be removed without a hearing, whether the government can put a person outside the reach of any law. Those are not abstract questions here. They are this year’s questions. What Arendt taught us is that the right to have rights is the right to be part of a community and that is something that also depends on you speaking and acting and joining that community, whether or not you are invited.

This year the motto is stop and think. Does that have any effect on your own life, for example when you are in the middle of an argument with someone? When did you last stop and change your mind?

Absolutely. We all need the reminder to stop and think. The hardest place to stop and think is exactly where you put it — in the middle of an argument. When I am winning an argument I am not thinking at all; I am performing. When I’m losing an argument, I’m angry and certainly not thinking.

Arendt thought that thinking interrupts everything else you are doing, and the reason it matters is that it is the moment you become able to judge rather than react.

You ask when I last stop and change my mind. Great question! You should ask that of everyone, especially every politician. I like to tell my students: I’ll vote for any politician who in the middle of a debate stops, thinks, and says: ‚you know what, I take my opponents point to heart and I’ve changed my mind.‘ I have never seen that happen, but I would love to.

Let me say, changing one’s mind doesn’t mean fully abandoning your earlier position. The change can be subtle. The best kind of change happens in a conversation with a friend or another person where you see your errors and your friend sees their errors. The change is two-sided. You both realize you were too one-sided in your arguments and you both move towards a common center. This is something I experience often in conversations with friends.

Over the last three years I have struggled mightily with friends who have various positions about the war in the Middle East. I’m Jewish. I support the right of Israel to exist and do believe that the existence of the one Jewish state in the world is important, that the loss of that state would be a disaster. I have over many years been highly critical of Israel’s government and remain so. I also believe Palestinians have a right to a state. But I do believe that Israel has the right to defend itself, as does any state.

When Hamas attacked Israel on October 7, 2023, I was distraught. I wanted Israel to take a bold stance—to offer peace and find a way out of the 70 year cycle of terror and war. But when Israel decided not to do so and to respond militarily, I supported its right to do so. That said, I think the Israeli war aim of eliminating Hamas has failed, just as the U.S. failed in its war on terror in Afghanistan after 9/11.

The claim made by many—including many of my students and many of my friends—that Israel was engaging in genocide, strikes me as simply wrong.

That said, both sides have committed war crimes. And I think it is arguable that both are pursuing the removal of the other population from the land — the Israeli government through what is happening in Gaza and the West Bank, Hamas through what it attempted through terror, by war on October 7, and by what it says it intends to accomplish by reclaiming Palestine from the river to the sea.

It is not that I have completely switched my position. But in three years of often intense and emotional debate with friends, students, colleagues, and others, I have meaningfully broadened my appreciation of the suffering of Palestinians in Gaza and the West Bank as well as the often-disgusting acts and statements by members of right wing elements of the Israeli government and settlers in the West Bank. I am more willing to see what the Israel government is doing as wrong, even if I don’t really know what choices they have. I hope that answers your question.

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