
Camie, 16 Jahre, über ihre Mutter Olga (55)
Olga ist nicht Mama. Sie ist meine Mutter, aber nicht meine Mama. Wenn ich sie rufe, rufe ich Olga. Wenn ich über sie spreche, sage ich Olga. Wenn mich jemand fragt: „Warum?“, ist meine Antwort: „Weil sie so heißt.“ Die wenigsten geben sich damit zufrieden, aber es ist die Wahrheit. Olga ist zuerst eine eigenständige Person, bevor sie Mutter geworden ist. Für einige ist das schwierig zu verstehen. Für mich ist das schon immer normal gewesen.
Im Kindergarten habe ich mich gewundert, dass die Mütter aller anderen Kinder keinen eigenen Namen hatten. Olga hat mir dann erklärt, dass viele Frauen es als Auszeichnung sehen, Mama zu sein. Und irgendwie verstehe ich das. Es muss wirklich überwältigend sein, für eine kleine Version von sich selbst verantwortlich zu sein. Kinder sind zwar nicht immer die Spiegel ihrer Eltern, aber Olga war für mich immer mein größtes Vorbild. Ich freue mich, wenn man mir sagt, ich sei wie sie, vom Aussehen und vom Charakter her. Ich habe ihre Augenform, so wie alle ihre drei Kinder. Ich habe die gleiche Haarfarbe wie sie in meinem Alter. Ich habe mir mein Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein von ihr abgeschaut. Ich orientiere mich daran, wie sie in sozialen Situationen handelt, und versuche es ähnlich umzusetzen. Olgas Hobbys sind Reiten und Tanzen, meine Hobbys sind Reiten und Tanzen. Unsere Meinung unterscheidet sich nur selten, und wir sind in Diskussionen immer auf der gleichen Seite. Bücher, die Olga gerne mag, mag ich auch.
Natürlich bin ich nicht genauso wie sie. Während ich mich mit 16 immer noch genauso in Bücher und Fantasiewelten vergrabe wie mit 12 oder 14, war Olga mit 16 unterwegs, tanzen, sich verlieben. Und obwohl das noch nicht ganz meine Interessen sind, liebe ich wenig so sehr wie Geschichten über ihre alten Freundinnen, Partys von vor 35 Jahren und Freunde zu hören. Ich kann so ziemlich alle Freunde aufzählen, die Olga jemals hatte. Ich weiß, wie die Pferde von Olgas ehemaligen besten Freundinnen hießen, und kann erzählen, warum sie nicht mehr mit ihnen befreundet ist. Mir ist es wichtig, all das zu wissen. Ich möchte sie nicht nur als meine Mutter kennen, ich möchte wissen, wer sie ist, wer sie war und wer sie ohne mich und meine Brüder geworden wäre.
Schließlich kennt sie mich auch, wahrscheinlich besser als jeder andere Mensch. Ich glaube nicht, dass ich in der Lage wäre, mein Leben so zu leben, wie ich es lebe, ohne Olga. Und zwar nicht nur wegen der offensichtlichen Dinge, wie dass sie meistens kocht und unsere Wäsche macht, obwohl ich ihr dafür auch sehr dankbar bin, sondern weil sie immer für mich da ist. Ich kann mit ihr über alles reden, das hat sie uns von Anfang an klargemacht, und ich muss mir nie Sorgen machen, dass ich ihr mal nicht genug bin, dass sie mich nicht akzeptiert oder ich für irgendetwas fertiggemacht werde. Ich bin so unfassbar froh, Olga zu haben.
So geht es natürlich auch meinen zwei Brüdern. Mein großer Bruder ist vierzehn Jahre älter als ich. Er ruft Olga immer noch ständig an und erzählt ihr absolut alles. Wenn ich wissen möchte, wie es ihm geht und wo er sich gerade in der Welt herumtreibt, frage ich meist einfach Olga. Er hat Olga auch immer Olga genannt, nur wenn er nerven will, nennt er sie „Mutter“. Mein kleiner Bruder ist eineinhalb Jahre jünger als ich und hat als Einziger Olga zwischendurch Mama genannt. Das war im Kindergarten, da alle Kinder immer gefragt haben: „Wann kommt meine Mama?“, und er sich das Mama-Sagen so ein bisschen abgeschaut hat. Ich habe übrigens immer gefragt: „Wann kommt meine Olga?“ Die Erzieherinnen und Erzieher fanden das so süß, dass Olga die Geschichte immer noch gerne erzählt.
Diese Freude über uns ist irgendwie eines der schönsten Dinge. Ich habe immer das Gefühl, dass Olga so unfassbar stolz auf uns drei ist. Manchmal kommt sie abends in mein Zimmer, nur um mir zu sagen, dass sie mich liebt und stolz auf mich ist. Ich freue mich jedes Mal! Weil sie nun mal nicht nur meine Mutter, sondern irgendwie auch mein Vorbild und meine Freundin ist.
Für mich ist es normal, jemanden so Starken an meiner Seite zu haben, aber das bedeutet leider auch, dass ich vieles für selbstverständlich halte. Und in dem Moment, in dem wir Dinge für selbstverständlich nehmen, fällt auch die Wertschätzung irgendwie ein bisschen weg. Natürlich bin ich ihr dankbar für all das, was sie für mich und unsere Familie tut. Sie ist großartig. Selbstbewusst. Hat immer den Überblick. Steht für sich selbst ein.
Trotzdem möchte ich wissen, ob Olga manchmal irgendetwas gerne gemacht hätte, bevor sie drei kleine Menschen hatte, um die es sich zu kümmern gilt. Und ob es vielleicht jetzt gerade in diesem Moment etwas gibt, was wir ändern sollten.
