
Bevor ich meine Mutter als Mutter beschreibe, muss ich sie als Mensch sehen. Sie ist nicht nur die Person, die sich gekümmert, organisiert und Verantwortung übernommen hat, sondern jemand mit eigenen Interessen, Gedanken und Stärken. Wenn ich sie heute anschaue, sehe ich eine Frau, die viel trägt, oft mehr, als man auf den ersten Blick erkennt. Es gibt Seiten an ihr, die im Alltag kaum sichtbar sind, weil sie hinter Aufgaben, Pflichten und Erwartungen verschwinden. Gerade diese Seiten machen sie für mich als Mensch wichtig.
Sie hatte eine schwere Jugend, vieles musste sie alleine bewältigen und meistern. Darum bin ich stolz, diese Mutter zu haben. Sie hatte mich schon früh darauf vorbereitet, wie das Leben funktioniert, denn so hatte sie es selbst gelernt.
Sylvia, so heißt meine Mutter, wuchs in einer mittelgroßen Stadt namens Koforidua auf, die sich im Osten des westafrikanischen Landes Ghana befindet. Wenn sie mir und meinen zwei weiteren Geschwistern von ihrer Jugend erzählt, strahlen entweder ihre Augen, oder sie erzählt, wie sie bei ihrer Tante und deren Cousins und Cousinen aufwuchs, die sie stark misshandelt hatten. Wie sie das Essen für die ganze Familie mit 13 Jahren alleine kochte und immer nur die Reste abbekam. Wie sie nie zum Gottesdienst der Zeugen Jehovas mitkommen wollte, auch wenn sie hin und wieder dazu gezwungen wurde, aber durch ihre Sturheit zu Hause blieb, weil sie an ihrem christlichen Glauben festhielt. Irgendwann erzählte sie, wie sie dann bei ihrer Großmutter aufgewachsen ist und vieles getan hatte, das ihre Oma zur Weißglut gebracht hatte, zum Beispiel Fahrradfahren. Dies war damals für Frauen nicht üblich, und sie hatte sich verletzt, weil die Oma ihr in den Weg gelaufen war. Trotz allem war meine Urgroßmutter ihr großes Vorbild, denn ihre Mutter arbeitete im Ausland und ihre Oma prägte ihre ganze Jugend bis sie nach Deutschland zog.
Mit 16 Jahren zog meine Mutter nach Deutschland. Sie verstand kaum die Sprache, aber versuchte, es sich nicht zu schwer zu machen, und integrierte sich in die Gesellschaft. Sie lernte die deutsche Sprache in der Berufsschule, fand hier Freunde, besuchte eine ghanaisch-kirchliche Gemeinde und zeigte damit, dass sie ihren Glauben nicht verloren hatte.
Im Jahr 2000 traf sie in Ghana auf meinen Vater. Sie heirateten 2005 und 2006 kam es zu einer Fehlgeburt, doch 2009 kam ich auf die Welt. 2010 und 2012 folgten meine Schwester und mein Bruder. Hier zeigt sie wieder, wie stark und selbstbewusst sie in diesen Jahren geblieben ist und nicht aufgegeben hatte, ein Kind zu bekommen.
Sie ist vielleicht hin und wieder übermüdet und körperlich durch die Arbeit belastet, aber sie hat gezeigt, wie stark, mutig und selbstbewusst sie ist und wie sie sich in der Gesellschaft hochgearbeitet hat. Nun arbeitet sie seit 25 Jahren und feierte 2025 ihr Jubiläum bei der Landeshauptstadt Hannover. Das zeigt, dass Integration in Deutschland gestärkt werden muss, egal wie viel Arbeit darin steckt.
Wenn ich an ein Vorbild denke, denke ich nicht an Obama oder Gandhi, sondern an meine Mutter Sylvia A.
Unser Interview
Wie würdest du dich beschreiben, ohne das Wort Mutter zu benutzen?
Ich war immer neugierig, mutig, stur und selbstständig. Eine Kämpferin, die sich Herausforderungen stellt, die ihren eigenen Weg geht, egal wie schwer es wird.
Was hat dein Leben früher ausgemacht, bevor die Mutterschaft vieles bestimmt hat?
Überleben und Selbstständigkeit. Verantwortung übernehmen schon als Kind. Eigene Träume, der Glaube, Freiheit trotz Einschränkungen, Neues lernen, mich beweisen.
Welche Seiten von dir sind heute weniger sichtbar, seit du Mutter bist?
Die, die einfach mal nur für sich selbst lebt. Abenteuer wagt, spontan ist und auch mal egoistisch sein darf. Diese Freiheit ist oft hinter Verantwortung versteckt.
Gibt es Eigenschaften, Träume oder Interessen, die du heute seltener lebst?
Früher habe ich gerne Serien wie Rote Rosen geschaut, einfach mal für mich allein. Heute geht das kaum noch, weil ich mich auf euch konzentriere und das Fernsehen sowieso immer belegt ist.
Erinnerst du dich an den Moment, in dem dir klar war, dass du Verantwortung trägst?
Ja, mit der Geburt von Evan. Ich wusste: Dieses kleine Leben hängt vollständig von mir ab, und nichts ist mehr nur für mich.
Was hat dich an der Mutterschaft praktisch überrascht?
Wie dauerhaft die Verantwortung ist. Die Müdigkeit, die ständige Sorge, dass immer alles organisiert sein muss. Man ist nie „fertig“ mit Fürsorge.
Welche Ängste oder Zweifel hattest du, über die man nicht offen spricht?
Ich habe oft Angst um die Zukunft von euch, meinen Kindern, besonders weil sich der Populismus und die Unsicherheiten in der Welt sowie in Deutschland verstärken. Dazu kommen die inneren Zweifel, ob ich immer genug gebe und ob ich euch bestmöglich vorbereite, obwohl ich mein Bestes tue.
