Am 14. Februar ist Valentinstag. Das wissen alle. Am 15. Februar ist Kinderkrebstag. Das weiß keiner.
Das Kind mit dem Krebs bin ich.
Wie ich das alles herausgefunden habe, ist eine dieser Geschichten, die man im Nachhinein fast „lustig“ nennen könnte, wenn sie nicht so folgenreich gewesen wäre. Das Leben hat manchmal einen seltsamen Humor.
Es war ein ganz normaler Tag in der Schule. Einer dieser Tage, an die man sich eigentlich nie erinnert. Wir hatten AWT – Arbeit, Wirtschaft, Technik – und räumten gemeinsam den Raum auf. Nichts Besonderes. Dann passierte es: Die Lehrerin wollte einen Besen aufhängen und traf mich dabei versehentlich am Hals. Sie entschuldigte sich wieder und wieder, war ganz aufgelöst. Ich sagte, es sei nicht schlimm, wirklich nicht. Wie hätte ich auch ahnen können, dass dieser kleine Unfall mein Leben verändern würde?
Doch rückblickend bin ich fast dankbar, dass es passiert ist. Denn mein Hals schwoll an und ohne diese Schwellung hätte niemand nachgeschaut. Niemand hätte etwas gefunden.
Ich ging zu meiner Hausärztin, dachte mir nichts dabei. Wahrscheinlich nur eine Prellung, dachte ich. Ein bisschen kühlen, ein paar Tage warten, dann wird das schon wieder. Aber die Ärztin sah sich die Schwellung an, wurde still. Zu still. Und dann sagte sie mit einer Stimme, die mir heute noch in den Ohren klingt: „Du musst sofort ins Krankenhaus.“
Sofort. Dieses Wort hallte in meinem Kopf wider. Warum sofort? Was konnte so schlimm sein? Also fuhr ich mit meinen Eltern ins Krankenhaus. Die Ärzte untersuchten meinen Hals und fragten mich immer wieder, wie das passiert sei. Und ich antwortete jedes Mal dasselbe: „Ein Besen ist draufgefallen.“ Ich merkte, wie sie sich Blicke zuwarfen. Glaubten sie mir nicht? Es folgten unzählige Untersuchungen, eine nach der anderen. Blutabnahmen, Ultraschall, Abtasten. Ich verlor irgendwann den Überblick. In mir wuchs eine Angst, die ich nicht benennen konnte.
Irgendwann, während einer dieser Untersuchungen, fragte ein Arzt meine Mutter: „Wie soll ich mit ihr reden?“ Ich hörte die Frage nur halb, aber ich spürte, dass etwas nicht stimmte. Meine Mutter antwortete: „Ganz offen.“
Ganz offen. Diese zwei Worte haben sich in mein Gedächtnis gebrannt.
Also gingen wir in ein Zimmer. Der Arzt setzte sich mir gegenüber. Er sah mich an, und in seinen Augen lag etwas, das ich nicht deuten konnte. Mitleid? Sorge? Und dann sagte er es: „Du hast Krebs.“
Krebs.
Ab diesem Moment hörte ich nichts mehr. Seine Lippen bewegten sich noch, er erklärte irgendetwas, aber die Worte erreichten mich nicht mehr. Es war, als hätte jemand den Ton abgestellt. Alles verschwamm. In meinem Kopf war nur dieses eine Wort, das sich immer wieder wiederholte. Krebs. Krebs. Krebs. Und dann kamen die Tränen. Ich weinte, ohne es aufhalten zu können.
Ich war doch noch so jung. Wie konnte das sein? Krebs, das bekommen doch alte Menschen. Das bekommen andere. Nicht ich. Nicht jetzt.
Das Wochenende verbrachte ich noch zu Hause. Ich versuchte, normal zu sein, aber nichts fühlte sich mehr normal an. Jeder Blick meiner Mutter, jede Umarmung, alles war anders. Schwerer. Am Montag ging es zurück ins Krankenhaus. Dienstag wurde mir eine Probe entnommen. Das Warten auf die Ergebnisse war unerträglich. Jede Minute fühlte sich an wie eine Stunde.
Als die Ergebnisse da waren, bestätigten sie, was ich insgeheim schon wusste, aber so sehr gehofft hatte, dass es nicht stimmt: Krebs. Endgültig. Unwiderruflich.
Mir wurde ein Port gelegt, eine kleine Kammer unter der Haut mit einem Schlauch, der direkt in eine herznahe Vene führt. Über eine Spezialnadel bekommt man darüber Medikamente, ohne jedes Mal neu gestochen zu werden. Als die Ärzte es mir erklärten, nickte ich nur. Ich verstand die Worte, aber sie fühlten sich fremd an. Als würden sie über jemand anderen sprechen.
Dann begann die Chemotherapie. Am Anfang lief alles noch einigermaßen. Ich sagte mir: Das schaffst du. Andere haben das auch geschafft. Du bist stark. Aber dann fielen meine Haare aus.
Sie waren überall. Egal wo ich war, egal was ich tat, überall lagen meine Haare. Auf meinem Kissen. In der Dusche. Auf meiner Kleidung. Jedes Mal, wenn ich mir durch den Kopf fuhr, blieben Strähnen zwischen meinen Fingern hängen. Es war, als würde mein Körper Stück für Stück verschwinden.
Irgendwann hielt ich es nicht mehr aus. Ich sah meine Mutter an und sagte: „Rasier sie ab. Bitte. Ich kann das nicht mehr sehen.“ Meine Stimme zitterte dabei.
Also fuhren wir nach dem Krankenhaus nach Hause, und sie rasierte mir den Kopf. Ich schaute nicht in den Spiegel, während sie es tat. Ich konnte nicht. Erst danach, als alles vorbei war, sah ich mich an. Da stand ein Mädchen, das ich kaum wiedererkannte. Aber ich sagte mir: Das sind nur Haare. Die wachsen nach. Du bist immer noch du.
Ich suchte mir Perücken aus und fand auch welche, die mir gefielen. Es war seltsam, verschiedene Versionen von mir selbst anzuprobieren. Aber es half.
Die Chemotherapie ging weiter. Es gab gute Tage, Tage, an denen ich fast vergessen konnte, was mit mir passierte. Und es gab schlechte Tage, Tage, an denen ich mich fragte, ob das jemals aufhören würde. Ich glaube, das ist normal. Zumindest redete ich mir das ein.
In den Pausen zwischen den Behandlungen galt eine strenge Regel: Morgens, mittags und abends Fieber messen. Über 38 Grad? Sofort zurück ins Krankenhaus, für mindestens drei Tage. Ich hasste dieses Thermometer. Es wurde zum Symbol für alles, was ich nicht kontrollieren konnte.
Im Krankenhaus wechselten meine Zimmernachbarn ständig. Gesichter kamen und gingen. Manche wurden entlassen, andere… darüber wollte ich nicht nachdenken. Doch dann lernte ich ein Mädchen kennen, in meinem Alter. Sie lag im Bett neben mir und irgendwann begannen wir zu reden.
Wir stellten uns gegenseitig Fragen, die andere nicht verstanden hätten. Wir halfen einander, wenn es einer von uns schlecht ging. Wenn sie weinte, war ich für sie da. Wenn ich weinte, war sie für mich da. Wir mussten uns nichts erklären, wir wussten einfach, wie sich die andere fühlte. Diese stumme Verbundenheit war mehr wert als tausend Worte.
Wir tauschten unsere Nummern aus und trafen uns auch außerhalb des Krankenhauses. Es tat so gut, jemanden zu haben, der wirklich verstand.
Nach den ersten Chemotherapien kam eine stärkere Behandlung. Und die war wirklich hart. Härter als alles, was ich mir hätte vorstellen können. In nur drei Tagen erhielt ich elf Chemos und dazu zehn Liter Flüssigkeit. Mein Körper fühlte sich an wie ein Schlachtfeld.
Die Nachwirkungen waren heftig: starke Knochenschmerzen, die mich nachts aus dem Schlaf rissen. Ich lag da, im Dunkeln, und biss die Zähne zusammen, während meine Knochen zu brennen schienen. Übelkeit, die nicht aufhören wollte, tagelang. Manchmal fragte ich mich, ob die Behandlung schlimmer war als die Krankheit selbst. Aber dann erinnerte ich mich: Das hier macht mich gesund. Das hier rettet mein Leben. Durchhalten.
Aber durch diese ganze Zeit hindurch war meine beste Freundin an meiner Seite. Egal wie schlecht es mir ging, egal wie ich aussah, sie war da. Sie hat mich besucht, mir zugehört, mich zum Lachen gebracht, wenn ich dachte, ich könnte nie wieder lachen. Sie hat mich aufgefangen, immer und immer wieder. Ich bin ihr unendlich dankbar. Sie war mein Anker, mein Licht in der Dunkelheit.
Und auch meine wunderbare Klasse und die großartigen Lehrer und Lehrerinnen haben mich getragen. Sie haben mir Nachrichten geschickt, mich besucht, mir gezeigt, dass ich nicht vergessen war. Dass ich immer noch dazugehörte. Ich weiß gar nicht, wie ich ihnen allen danken soll. Manche Menschen zeigen erst in schweren Zeiten, wer sie wirklich sind und ich hatte das Glück, von den Besten umgeben zu sein.
Nach vier Monaten kam dann endlich die Nachricht, auf die ich so lange gehofft hatte. Der Arzt sah mich an und diesmal war da ein Lächeln in seinen Augen.
„Die Chemotherapie hat angeschlagen. Du bist erstmal frei.“
Frei. Dieses Wort fühlte sich an wie Sonnenlicht nach einem endlosen Winter. Ich habe geweint, aber diesmal vor Freude. Ich habe meine Mutter umarmt und nicht mehr losgelassen. All die Angst, all die Schmerzen, all die durchweinten Nächte, sie hatten sich gelohnt.
Jetzt muss ich alle vier Monate zur Kontrolle ins Krankenhaus. Jedes Mal ist da diese kleine Angst im Hinterkopf: Was, wenn es zurückkommt? Aber ich versuche, nicht daran zu denken. Ich versuche, jeden Tag zu genießen, den ich habe.
Wenn ich fünf Jahre lang keinen Rückfall habe, gelte ich als geheilt. Fünf Jahre. Das klingt so lang und doch: Ich habe schon so viel geschafft. Das schaffe ich auch noch.
Und das bleibt dann hoffentlich so.
Das war meine Geschichte. Vielleicht liest sie jemand, der gerade Ähnliches durchmacht. Wenn ja, möchte ich dir sagen: Du bist nicht allein. Es wird Tage geben, an denen du aufgeben willst. Aber gib nicht auf. Halte durch. Es gibt ein Danach und es ist es wert, dafür zu kämpfen.
Unsere junge Erzählerin möchte ihren Namen nicht im Internet lesen und bleibt hier lieber anonym.
Eine Freundin berichtet: Der Besenstiel
Es war ein ganz gewöhnlicher Schultag, als es passierte. Ein Unfall, wie er tausendfach vorkommt und meist ohne Folgen bleibt. Die Lehrerin hantierte mit einem Besen, eine unachtsame Bewegung und der Stiel traf meine Freundin T. am Hals. Ein kurzer Schreck, ein »Entschuldigung«, dann ging der Alltag weiter.
Doch einige Tage später bemerkte T. eine Schwellung. Nicht groß, aber auch nicht klein. Eine Beule, die nicht hätte da sein sollen. Der Arztbesuch, der folgte, sollte alles verändern.
Lymphknotenkrebs.
Zwei Worte, die sich anfühlen wie ein Sturz ins Bodenlose. Als ich davon erfuhr, weigerte sich mein Verstand zunächst, es zu begreifen. T.? Meine T.? Wir waren doch gerade noch zusammen durch die Straßen gelaufen, hatten gelacht, Pläne geschmiedet. Und nun das.
Vier Monate Krankenhaus. Vier Monate, die sich dehnten wie Jahre. Untersuchungen, Chemotherapien, Warten. Für T. ein Kampf. Für uns alle ein stilles Ausharren am Rand, hilflos und doch hoffend.
Wir telefonierten. Wir schrieben uns Nachrichten. Manchmal lang, manchmal nur ein Herz, ein »Denk an dich«. Es war nicht dasselbe. Die Distanz schmerzte wie eine offene Wunde.
Als ich sie endlich besuchen durfte, wurde mir an der Tür eine Maske gereicht. »Hände desinfizieren«, sagte die Schwester. Jede Berührung ein Risiko, jeder Keim eine Gefahr. T.s Körper kämpfte bereits genug; eine Erkältung hätte alles zunichtemachen können.
Ich setzte mich zu ihr ans Bett. Wir konnten nicht hinaus, nicht spazieren gehen, nicht die Dinge tun, die Freundschaften normalerweise ausmachen. Aber wir waren zusammen. Heute ist T. wieder gesund. Die Haare sind nachgewachsen, die Farbe ist in ihre Wangen zurückgekehrt. Manchmal, wenn wir zusammen durch die Stadt laufen und über Kleinigkeiten lachen, vergesse ich fast was war. Doch dann streift mein Blick ihren Hals, und ich erinnere mich. An den Besenstiel. An die Angst. An die endlosen Monate des Wartens. Und daran, wie kostbar das ist, was wir so oft für selbstverständlich halten: Zeit miteinander. Gesundheit. Eine Freundin, die neben einem geht.

Unfassbar stark!