Einheit in Vielfalt: Schulgottesdienste als Brücke zwischen Glaubenswelten

Ein Beitrag von Cennet, Nisa, Meryem und Franzi.

In einer Zeit, in der die Welt immer komplexer und herausfordernder wird, suchen wir nach Wegen, um Ruhe, Reflexion und Gemeinschaft zu fördern. Zweimal im Jahr organisiert unser Lehrer Martin Pyka gemeinsam mit Schülerinnen und Schülern einen Schulgottesdienst, der offen für alle Glaubensrichtungen ist. Ziel ist es, einen Ort des Austauschs und der Besinnung zu schaffen, der über konfessionelle Grenzen hinweg zugänglich ist.

Im folgenden Interview ergründen wir, was Martin dazu bewegt hat, diese Gottesdienste ins Leben zu rufen, welche Herausforderungen dabei zu bewältigen sind und welche Rolle die Vielfalt religiöser Überzeugungen in der Gestaltung der Gottesdienste spielt.

Unsere Frage an Martin: Wodurch und welche Gründe und Motivationen stehen hinter dem Jugendgottesdienst?
Antwort von Martin: Der Jugendgottesdienst entstand aus verschiedenen Gründen und Motivationen. Zum einen sollte er die Sehnsucht nach einem weiteren sinnstiftenden Angebot wecken und zum anderen sollte er die Herausforderung der Umsetzung trotz einiger Vorbehalte angehen. Dies kam daher, dass die Menschen einer Aufgabe gegenüberstehen, Fragen zu lösen, die sie in ihrem Herzen und in ihrem Dasein bewegen. Auch wenn wir im Schulalltag unterschiedliche Rollen einnehmen, sind wir vor Gott alle gleich. Zusammen unterwegs zu sein, Fragen, Freude, Hoffnung, Schmerz und vieles mehr miteinander zu teilen, ist etwas sehr Kostbares und zutiefst Menschliches, weil wir beziehungsbedürftige Wesen sind.

Welche Ziele verfolgst du mit dieser Initiative?
Mein Ziel ist es, dass alle Interessierten der Schulgemeinschaft einen Raum haben, in dem sie sich mit ihren Fragen und Themen sowie ihrem Glauben und ihren Zweifeln öffnen können. Es ist etwas ganz Besonderes, gemeinsam im Gespräch zu sein, über religiöse Schriften zu reden, zu beten, zusammen zu singen und zu schweigen. Wir sind unabhängig von der eigenen Religiosität gemeinsam unterwegs und dadurch tief miteinander verbunden, und dies kann man auch im Gottesdienst spüren.

Wie wird der Schulgottesdienst organisiert? Kannst du den Prozess der Zusammenarbeit mit der Kirchengemeinde erläutern?
Die Kooperation beinhaltet, dass wir den Gottesdienst in der Dietrich-Bonhoeffer-Gemeinde abhalten können und die Pastorin ihn inhaltlich leitet. Zu Beginn haben wir uns – Schülerinnen und Schüler, Lehrerinnen und Lehrer sowie die Pastorin – darüber ausgetauscht, was einen guten Gottesdienst für uns ausmacht. Vor den Gottesdiensten, die einmal pro Halbjahr stattfinden, treffen sich Freiwillige mit Pastorin Kreuer und mir und überlegen gemeinsam, welches Thema aktuell gut passen könnte. Dann werden geeignete Texte, Gebete, Fürbitten und Lieder herausgesucht oder verfasst. Im ersten Gottesdienst ging es um Selbstliebe, also um die Zusage, dass wir alle vollkommen in Ordnung und geliebt sind, wie wir sind – ganz unabhängig von unserer Leistung. Im zweiten Gottesdienst ging es um unsere Talente und die Frage, wie wir sie für unsere Mitmenschen einsetzen können. Im dritten Gottesdienst setzen wir uns mit Ängsten und Vertrauen auseinander. Wir versuchen inhaltlich ganz nah an der Lebenswelt unserer Schulgemeinschaft dran zu sein.

Welche Rolle spielen die verschiedenen religiösen Gemeinschaften bei der Gestaltung des Schulgottesdienstes?
Zunächst ist es mir wichtig zu betonen, dass jeder Mensch willkommen ist, und daher freut es mich, dass auch Atheisten und Menschen anderer Religionen an den Gottesdiensten teilnehmen. Besonders erfreulich ist, dass auch im Planungsteam eine muslimische Schülerin dabei ist, die sogar Teile anleitet. Juden, Christen und Muslime verbindet der Glaube an denselben Gott.

Wie nimmst du die Reaktion der Schülerinnen und Schüler auf die Schulgottesdienste wahr? Gibt es Feedback, das dich besonders beeindruckt oder überrascht hat?
Das bewegendste Feedback war, dass ein Schüler der 13. Klasse geschrieben hat, dass der Gottesdienst eine der schönsten Erfahrungen seiner gesamten Schulzeit gewesen ist. Einige andere haben gesagt, dass sie öfter in die Kirche gehen würden, wenn die Gottesdienste immer so schön wären, und eine ehemalige Schülerin hat mir geschrieben, dass sie vorher noch nie in einem Gottesdienst war und dass es für sie eine ganz besonders schöne Erfahrung war.

Inwiefern trägt der Schulgottesdienst zur Förderung von Toleranz und Verständnis zwischen den verschiedenen religiösen Gruppen bei der Schülerschaft bei?
Die Zusage, dass jeder Mensch ein geliebtes Kind Gottes ist, verbindet uns alle. Die Tatsache, dass wir unabhängig von unserem Hintergrund zusammen Gottesdienst feiern, ist ein Zeichen eines toleranten Miteinanders. Wir erleben, wie heilsam es ist, wenn wir Emotionen wie beispielsweise Freude und Trauer miteinander teilen, füreinander da sind, zweifeln, aber auch vertrauen dürfen.

Was sind die langfristigen Ziele, die du mit den Schulgottesdiensten erreichen möchtest? Gibt es spezifische Entwicklungen, die du dir erhoffst?
In erster Linie geht es darum, dass alle Menschen, die am Gottesdienst teilnehmen, eine schöne, bereichernde, heilsame und gute Zeit erleben. Wenn sie etwas Licht und Liebe in unsere Schulgemeinschaft tragen, wäre das schon ganz wunderbar. Wir alle wissen, wie wichtig es ist, dass wir uns gegenseitig ein Lächeln schenken, einander vergeben, helfen und zuhören. Ganz nach dem Motto der Auschwitz-Überlebenden Margot Friedländer: „Ihr müsst Menschen sein – nichts weiter!“

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