Mehr Freizeit, weniger Bullshitjobs – Wie wir der Arbeitsfalle entkommen können. Ein Vortrag von Prof. Dr. Till van Treeck am 23. Oktober in der Börse Hannover

Ein Rückblick von Leo, Clemens und Max.

Die Hannah Arendt Tage 2024 in Hannover beschäftigen sich mit der Frage, wie wir in Krisenzeiten Freiheit bewahren und gestalten können. Es geht darum, was Freiheit in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft bedeutet. Außerdem wird über Themen wie Verantwortung, die Bedeutung von Arbeit, Emotionen in der Politik und die Rolle von künstlicher Intelligenz gesprochen. Ziel ist es, die Freiheit wieder stärker ins Gedächtnis zu rufen und darüber nachzudenken, wie wir sie schützen und leben können.

Am Mittwoch, dem 23. Oktober 2024, ging es in der Börse Hannover besonders darum wie kürzere Arbeitszeiten und mehr Freizeit die Menschen zufriedener machen könnten. Der Sozioökonom Till van Treeck vom Institut für Sozioökonomie der Universität Duisburg-Essen eröffnete die Diskussion und sprach über das Konzept der „Arbeitsgesellschaft“. In unserer heutigen Gesellschaft ist Arbeit oft das Wichtigste. Doch van Treeck findet, dass dies anders sein sollte. Er bezieht sich auf die Philosophin Hannah Arendt, die zwischen drei wichtigen Tätigkeiten unterscheidet: Arbeit, Herstellen und Handeln. Arbeit sichert das tägliche Überleben, das Herstellen schafft Dinge, die bleiben, und das Handeln beschreibt den Austausch und das Zusammenleben in der Gemeinschaft.

Im Vortrag von Till van Treeck zum Thema „Freizeit und Politik. Auswege aus der Arbeitsgesellschaft“ werden Ansätze für eine tiefgreifende gesellschaftliche Veränderung vorgestellt, die auf die Stärkung von Freizeit und politischem Engagement abzielen und eine Alternative zur Arbeitsfixierung bieten. Basierend auf Hannah Arendts Konzept der „vita activa“, das zwischen Arbeiten, Herstellen und Handeln unterscheidet, betont Van Treeck die Bedeutung der Freizeit als Raum für gesellschaftliche und politische Teilhabe. Er argumentiert, dass eine Umstrukturierung der Arbeitszeiten und die Reduktion des Arbeitsdrucks das individuelle und kollektive Wohlbefinden fördern könnten.

Die Rolle des sozialen Vergleichs und das Easterlin-Paradox

Van Treeck thematisiert das Easterlin-Paradox, das aufzeigt, dass ein steigendes Einkommen nicht zwangsläufig zu mehr Glück führt. Der Vergleich des eigenen Einkommens mit dem der anderen scheint jedoch eine große Rolle zu spielen. Ein höheres Einkommen im Vergleich zu anderen steigert das subjektive Wohlbefinden, während allgemeine Einkommenssteigerungen keinen proportionalen Anstieg des Glücks bewirken. Van Treeck erläutert, dass in reichen Gesellschaften sogenannte „positionale Externalitäten“ dominieren, bei denen sich das individuelle Wohlbefinden stark am sozialen Vergleich orientiert.

Gedankenexperimente zum sozialen Vergleich

Um den Einfluss des sozialen Vergleichs auf die Lebenszufriedenheit zu verdeutlichen, führt Van Treeck mehrere Gedankenexperimente durch:

  • Gedankenexperiment 1: Die Teilnehmenden wählen zwischen zwei Welten: In Welt 1 verdienen sie 3.000 Euro monatlich, während andere 2.000 Euro verdienen; in Welt 2 verdienen sie 5.000 Euro, jedoch verdienen andere 8.000 Euro. Die Entscheidung für Welt 2 mit höherem absoluten, aber niedrigerem relativen Einkommen unterstreicht die Bedeutung des sozialen Vergleichs.
  • Gedankenexperiment 2: Die Wahl zwischen drei Wochen Urlaub, während andere zwei Wochen haben (Welt 1), und fünf Wochen Urlaub, während andere acht Wochen genießen (Welt 2), verdeutlicht den Einfluss relativer Freizeit auf das Wohlbefinden.
  • Gedankenexperiment 3: Ein weiteres Szenario bezieht sich auf das Unfallrisiko bei der Arbeit. Die Teilnehmenden entscheiden, ob sie ein höheres individuelles Unfallrisiko akzeptieren würden, wenn das Risiko für andere noch höher ist.

Diese Experimente zeigen, dass viele Menschen bereit sind, geringere absolute Vorteile hinzunehmen, wenn ihr Status im Vergleich zu anderen relativ besser ist.

Positionale und nicht-positionale Güter

Van Treeck unterscheidet zwischen positionalen Gütern, wie Einkommen und Konsum, und nicht-positionalen Gütern, wie Freizeit und Sicherheit am Arbeitsplatz. Während posionale Güter ihren Wert durch den Vergleich mit anderen gewinnen, sind nicht-positionale Güter an sich wertvoll und verbessern das Wohlbefinden unabhängig vom sozialen Vergleich. Er sieht das Streben nach positionalen Gütern als Ursache für lange Arbeitszeiten und sogenannte „Bullshit-Jobs“, die gesellschaftlich wenig Nutzen stiften, aber zur Statusaufrechterhaltung beitragen.

Politische Schlussfolgerungen und Vorschläge für eine bessere „vita activa“

Aus dem Easterlin-Paradox leitet Van Treeck die Empfehlung ab, den Fokus auf Zufriedenheit anstelle von ständigem wirtschaftlichem Wachstum zu lenken. Er fordert Maßnahmen zur Eindämmung von positionalen Externalitäten, wie zentrale Lohnverhandlungen, eine starke öffentliche Daseinsvorsorge und die Verringerung sozialer Ungleichheiten. Van Treeck plädiert für eine Umgestaltung der Arbeitswelt, um Raum für eine „vita activa“ zu schaffen, die politisches und soziales Engagement fördert.

Ein konkreter Vorschlag ist die Einführung einer bedingungslosen Daseinsvorsorge, die Bereiche wie Bildung, Gesundheit, Wohnen und Mobilität abdeckt und die Notwendigkeit des individuellen Einkommenswettbewerbs reduziert. Des Weiteren schlägt er eine schrittweise Arbeitszeitverkürzung vor, die den Produktivitätsfortschritt berücksichtigt. Zudem bringt er das Konzept einer „sozialen Dienstzeit“ für alle zehn Jahre ins Gespräch. Diese Dienstzeit soll mehr Freizeit bieten (30-Stunden-Woche) und sinnstiftende Aufgaben umfassen, die über dem Medianlohn entlohnt werden. Das Ziel besteht darin, neue Arbeitszeitnormen zu schaffen und den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken.

Zustimmung zur sozialen Dienstzeit

In einer Umfrage zur Akzeptanz einer sozialen Dienstzeit zeigt sich, dass eine breite Zustimmung zu diesem Modell besteht, insbesondere wenn die Dienstzeit freiwillig und finanziell attraktiv gestaltet ist. Dies weist darauf hin, dass viele Menschen offen für eine solche gesellschaftlich sinnvolle Arbeit unter fairen Bedingungen sind.

Die Notwendigkeit politischen Handelns über individuelles Konsumverhalten hinaus

Van Treeck betont, dass gesellschaftliche Herausforderungen nicht allein durch individuelles Konsumverhalten gelöst werden können. Als Beispiel führt er die Verkehrspolitik an und kritisiert Aussagen, die das Nichterreichen von Klimazielen im Verkehr allein auf individuelle Präferenzen der Bürger zurückführen. Er argumentiert, dass politische Maßnahmen und eine verbesserte Infrastruktur notwendig sind, um nachhaltige Veränderungen zu fördern und soziale Gerechtigkeit zu gewährleisten.

Zusammenfassung

Till van Treecks Vortrag bietet eine tiefgehende Analyse der Auswirkungen von Arbeitszeit, sozialem Vergleich und gesellschaftlicher Infrastruktur auf das individuelle Wohlbefinden. Mit seinen Vorschlägen zur Förderung von Freizeit, zur Eindämmung von positionalen Externalitäten und zur Einführung einer sozialen Dienstzeit zeigt er Wege auf, wie eine Gesellschaft gestaltet werden kann, die weniger auf materiellen Wettbewerb und mehr auf gemeinschaftliches Engagement und Zufriedenheit setzt. Van Treecks Ansatz fordert ein Umdenken, das auf eine gerechtere und lebenswertere Zukunft abzielt, in der Arbeit und Wohlstand neu definiert werden.

Ein Gedanke zu “Mehr Freizeit, weniger Bullshitjobs – Wie wir der Arbeitsfalle entkommen können. Ein Vortrag von Prof. Dr. Till van Treeck am 23. Oktober in der Börse Hannover

  1. Ich würde es mal so formulieren:
    Seit froh wenn noch Arbeit vorhanden ist. Wenn erst einmal die KI übernimmt wird man noch genug freie Zeit haben, um Zuhause rumzulungern. Ihr braucht nur abzuwarten.

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