Wenn aus Spaß bei Tik Tok Ernst wird

Ein Bericht von Emma, Linnea und Lilli

Tik Tok ist das soziale Medium der Jugendlichen. Hier reihen sich trendige Tanzvideos zu den neuesten Hits an gefährliche Challenges. Der Algorithmus verleitet dazu, nicht mehr aufhören zu wollen. Wann fängt eine Mediensucht an? Und wie schafft man den Absprung? Dazu haben wir mit Ronny Siegert, Heilerziehungspfleger beim Kinderkrankenhaus an der Bult, gesprochen. Er sagt: Allein den Sprung aus der Mediensucht zu schaffen, ist sehr schwierig. Die Mediensucht ist nur eine von vielen Gefahren, die wir für euch recherchiert haben.

Die sozialen Medien werden immer präsenter, besonders bei Jugendlichen haben sie in den vergangenen Jahren stark an Popularität gewonnen. Ein Problem, das besonders die jüngeren Generationen beschäftigt und das besonders durch die Corona Pandemie in den letzten Jahren verstärkt wurde, ist der teilweise ungesunde Konsum von sozialen Medien und die Mediensucht. Rund 78 Prozent der 16 bis 25-Jährigen in Deutschland nutzten im Jahr 2021 soziale Medien. Das sind mehr Menschen, als in jeder anderen befragten Altersgruppe.

Eine App, die besonders viele NutzerInnen dazu gewonnen hat, ist Tik Tok. Weltweit zählt die App mittlerweile rund 1,7 Mrd. NutzerInnen. Die beliebte App geht aus der früheren Lippen-Synchronisations-App musical.ly hervor und gehört dem chinesischen Unternehmen ByteDance. Auf Tik Tok werden kurze, meist 15-sekündige Videos zu diversen Themen veröffentlicht.

Zwischen lustigen Tanzvideos lauert die Gefahr

Die App TikTok bringt viele Gefahren und Probleme mit sich, die vor allem junge Leute oft nicht einschätzen können. Offiziell ist die Social Media App ab 13 Jahren erlaubt. Dieses Mindestalter wird aber nicht überprüft, wodurch auch Jüngere die App nutzen können. Die Folge: Sie bekommen Inhalte angezeigt, die nicht für ihr Alter vorgesehen sind. Mädchen im knappen Outfits, gewaltverherrlichende Computerspiele und Challenges — um nur ein paar Beispiele zu nennen. Je jünger, desto weniger können die NutzerInnen die dadurch aufkommenden Risiken einschätzen.

Vermeintlich ungefährliche Challenges animieren vor allem junge Leute zum Mitmachen. Doch viele dieser Challenges sind lebensgefährlich und endeten sogar schon tödlich. Die Macher der App weisen jegliche Verantwortung von sich, unternehmen daher nicht wirklich etwas dagegen. Immerhin haben sie eine Studie bei der britischen Organisation ,,Praesidio” in Auftrag gegeben. Die Ergebnisse zeichnen ein beängstigendes Bild: Zwei Prozent aller Jugendlichen im Alter von 13-19 Jahren gaben an, schon mal an einer gefährlichen oder riskanten Challenge teilgenommen zu haben, 0,3 Prozent sogar an einer lebensgefährlichen. Doch trotz der erschreckenden Ergebnisse unternahmen die App–Betreiber nichts gegen die Challenges.

Das größte Problem: Die Challenges verbreiten sich in kürzester Zeit. Sie gelten durch die hohe Popularität als vermeintlich cool und animieren dadurch zum Nachahmen. Die Teilnehmenden beugen sich dem Gruppenzwang, denken dabei aber nicht an mögliche Folgen. CreatorInnen streben vorallem nach Ruhm und Anerkennung. Doch die Frage bleibt: Sollte man für Likes und Anerkennung wirklich so weit gehen und das eigene Leben aufs Spiel setzen?

Die populärsten Challenges der letzten Jahre

Die ,,IceBucketChallenge” ist ein populäres Beispiel aus dem Jahr 2014 und hat bisher den größten Hype erzielt. Hierbei überschütten Menschen sich mit eiskaltem Wasser, um auf die Nervenkrankheit Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) aufmerksam zu machen. Mit jeder Teilnahme wurden Spenden für ALS-Kranke gesammelt. (Quelle:Blog.wdr.de)

Die ,,Blackout Challenge” ist ein extremeres Beispiel dafür, wie gefährlich Challenges auf Tik Tok sein können. Bei dieser Challenge geht es darum, sich bis zur Ohnmacht selbst zu würgen – mit fatalen Folgen. Durch diese Challenge sind ein vierzehn jähriges Mädchen in Schottland und zwei achtjährige Mädchen in den USA gestorben sind. (Quelle: stern.de)

Außerdem gibt es noch die ,,Tide Pod Challenge’’, die 2018 einen großen Hype auslöste. Dabei schlucken die Teilnehmenden Waschmittelpads. 2018 landeten dadurch 39 Teenager in Deutschland mit einer Vergiftung im Krankenhaus. (Quelle:welt.de)

Wenn die Nutzung zur Sucht wird

Nicht immer bemerkt man selbst als erste/erster, wenn man eine Mediensucht entwickelt. Ronny Siegert, Heilerziehungspfleger auf der Bult, hat uns erzählt, dass Süchtigen häufig eine gewisse Selbstreflexion fehlt. „Es fällt ihnen schwer, sich das Problem einzugestehen. Den Angehörigen fällt so etwas häufig schneller auf. In solchen Situationen kann es helfen, mit der Person darüber zu reden und seine Sorge anzusprechen“, so der Experte.

Das Problem kann erst angegangen werden, wenn sich die/der Betroffene bewusst ist, dass der Konsum problematisch ist und bereit ist, etwas daran zu verändern. Als nächsten Schritt sollte man sich professionelle Hilfe suchen. Dabei ist es gut, wenn die Angehörigen unterstützen, da es nicht immer leicht ist und Überwindung kostet. „Wenn man dabei nicht alleine ist, fällt es meistens schon viel leichter“, so Siegert.

Aber wie genau sieht eine Mediensucht überhaupt aus? Wo fängt sie an und was ist noch „normal“? Der Heilerziehungspfleger meint, die Mediensucht fängt — wie viele andere Formen von Sucht auch — mit dem Kontrollverlust an. “Viele nutzen soziale Medien, um Zeit zu füllen, wenn sie sich langweilen und auch um beispielsweise mit Freunden in Kontakt zu bleiben. Solange Pflichten wie Hausaufgaben, Arbeit im Haushalt und soziale Kontakte nicht vernachlässigt werden, ist der Konsum unbedenklich.” Siegert findet, der Konsum sollte hinterfragt werden, sobald alles andere vernachlässigt wird, nur um mehr Zeit am Handy, Computer etc. zu verbringen. Dann wendet man sich am besten an einen Experten. Denn: “Von sich aus den Sprung aus der Mediensucht zu schaffen, ist sehr schwierig”, sagt Siegert.

Durch einen zu hohen Konsum von sozialen Medien, kommt es nicht nur zu offensichtlichen Problemen, wie weniger Zeit und damit einem veränderter Fokus und schlechteren schulischen Leistungen. Besonders wenn Kinder schon im jungen Alter viel mit sozialen Medien bzw. generell digitalen Geräten zu tun haben, lernen Kinder diese als „Flucht aus der Realität“ zu nutzen, da durch diese kurzfristig positive Gefühle ausgelöst werden und die Realität für kurze Zeit vergessen werden kann: Wird ein Kind in der Schule gemobbt, zieht es sich immer weiter aus seinem sozialen Leben zurück und verbringt stattdessen mehr Zeit im Internet, um sich abzulenken.

Von Cybermobbing bis zur fehlenden Aufmerksamkeit

Ein Problem, dass man auch von vielen anderen Social Media Apps kennt, ist der einfache Kontakt mit Fremden. Offiziell ist das Chatten bei Tik Tok zwar erst ab 16 Jahren erlaubt, aber auch die Kommentaren ermöglichen, sich unabhängig vom Alter mit Menschen auf der ganzen Welt auszutauschen. Durch Chats und daraus entstehende Internet-Freundschaften mit Fremden können Hackern und andere Menschen mit bösen Absichten Vertrauen aufbauen, um an persönliche Daten zu gelangen. Dafür geben sie sich nicht selten als jemand anderes aus. Jugendliche und Kinder können dadurch motiviert werden, Dinge zu tun, die in vielerlei Hinsicht Gefahren mit sich bringen. Auch in Trends wird dazu aufgerufen, zu Sounds Privates über sich Preis zu geben.

Beim Austausch mit Fremden kommt es auch zu Cybermobbing oder Cybergrooming. Jüngere Generationen passen sich den gesellschaftlichen Vorstellungen, die durch die Social Media Apps vermittelt werden, an. Um selbst nicht zum Opfer zu werden, unternehmen sie nichts oder mobben sogar selbst mit. Gemobbte selbst können anfangen an ihrem Selbstwertgefühl zu zweifeln, verfallen in Depressionen und kapseln sich komplett von ihrem sozialen Umfeld ab. Hierzu gibt es ein empfehlenswertiges Buch: „Die Welt wär besser ohne dich“ von Sarah Darer Littman.

Ein anderes Problem sind Werbungen, die seit September 2019 auf Tik Tok erlaubt wurden. Sie erscheinen immer wieder auf der so genannten „For you page“, passen sich den gelikten Videos an und leiten direkt zu Onlineshops oder dem Appstore weiter. Auch in der App selbst kann man „Coins“ kaufen, um verschiedene Tik-TokerInnen zu unterstützen. Junge Nutzende können dadurch leicht und ungewollt Käufe abwickeln und im schlimmsten Fall hohe Schulden bekommen.

Eine weitere, weniger offensichtliche, Folge ist die verkürzte Aufmerksamkeitsspanne. Viele von uns haben es sicher schon an sich selbst festgestellt: Manchmal fällt es schon schwer, sich mal eine halbe Stunde nur auf das Lesen eines Buchs zu konzentrieren. Wir sind die Schnelllebigkeit von sozialen Medien gewohnt, die kurzen Videos von TikTok und die Beiträge auf Instagram, die man schnell weiter wischt, ohne sich wirklich mit ihnen zu beschäftigen. Nur logisch, dass es dann schwerfällt, sich für längere Zeit nur auf eine Aufgabe zu konzentrieren.

Wenn euch diese ganzen Probleme bekannt vorkommt, dann ist es für euch vielleicht sinnvoll das Handy auch mal bei Seite zu legen und ein paar Stunden offline zu verbringen.

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