Matthias Aschern: Journalismus und Südfrankreich

Ein Interview von Selin und Derya.

Hallo Matthias, könntest du dich bitte in ein paar Sätzen vorstellen?

Sehr gerne, ich bin Matthias Aschern und seit dem 13. August 2021 Schulleiter der IGS Roderbruch und habe vorher schon ein halbes Jahr mit Brigitte Naber viel über diese Schule gesprochen und mich sehr auf die neue Aufgabe gefreut. Zuvor habe ich eine andere IGS geleitet, acht Jahre eine IGS im Aufbau im Landkreis Harburg und war ein paar Jahre Schul-Entwicklungsberater. Dabei geht es um Qualitätsentwicklung für Schulen – wie können Schulen besser werden, wie kann man den Unterricht und ihre Prozesse verbessern? Und ich habe 3 Jahre in einem Institut in Hildesheim gearbeitet und dabei ging es um Evaluation und Datenerhebung und eigentlich auch darum, wie Schulen besser werden können auf der Grundlage zum Beispiel von Unterrichtsbeobachtungen und Befragung.

Ich habe zwei Kinder, die sind 22 und 18 Jahre alt und meine große Tochter studiert in Hamburg Soziale Arbeit und mein Sohn macht nächstes Jahr sein Abitur.

Warum hast du dich dazu entschieden, Lehrer zu werden?

Als ich mich entschied, Lehrer zu werden, war es vorrangig meine Begeisterung für Literatur. Ich unterrichte Deutsch und Geschichte und mein erster Impuls war das Interesse für Literatur und diese Begeisterung wollte ich vermitteln – dies war zunächst mein Hauptmotiv bei der Entscheidung, Lehrer zu werden.

Wie ist es zu deiner Entscheidung gekommen, Schulleiter zu werden?

Schulleiter zu werden hat für mich damit zu tun, Schule gestalten zu können, mehr Verantwortung zu übernehmen und Strukturen zu schaffen, in denen Schule gut gelingen kann.

Wie fühlt es sich an, der „Boss“ einer so großen Schule zu sein?

Der Schulleiter der IGS Roderbruch ist kein Boss, denn als einen Boss stellen wir uns jemanden vor, der sozusagen alle Entscheidungen alleine trifft – also regiert und die Schule in seiner Verantwortung gestaltet als Direktor. So etwas gab es einmal und das ist an vielen Schulen nicht mehr so und besonders an dieser Schule ist es ganz anders. Wir arbeiten als Team in der kollegialen Schulleitung mit sehr viel Arbeitsteilung und viel Verantwortung in den einzelnen Bereichen. Auch hat die ganze Schule eine Teamstruktur in den einzelnen Jahrgangs- und Fachteams und eigentlich ist meine Aufgabe nicht, ein Boss zu sein, sondern vielmehr für diese Teamstruktur zu sorgen und mit anderen gemeinsam die Schule zu gestalten und weiterzuentwickeln. Das ist manchmal mühsam und dauert lange und ist insgesamt eine gute Idee.

Was sieht deine typische tägliche To-do-Liste und wie gestaltet sich dein Tagesablauf?

Das Schöne an meiner Arbeit ist, dass es diesen typischen Tag gar nicht gibt, es ist wirklich jeder Tag anders, wenn ich meinen Kalender aufmache. Denn gibt es keine Tagesstruktur, die zwei Mal auftaucht in einem Schuljahr. 

Sehr häufig finden neben meinem Unterricht – ich habe gerade eine 11. Klasse in Deutsch – mehrere Personalgespräche oder Sitzungen in Gremien statt, Konferenzen, Teambesprechungen und sehr vieles hat auch mit Bereichen außerhalb der Schule zu tun, also zum Beispiel Kontakte mit dem Schulträger, der Landeshauptstadt Hannover, da geht es beispielsweise um Gebäudefragen, Gespräche mit Hausmeistern und Schulverwaltungskräften oder auch mit dem RLSB, dem regionalen Landesamt für Schule und Bildung, das ist ja unsere vorgesetzte Schulbehörde und ein guter Teil meiner Arbeit besteht auch darin, die Beziehungen und Kontakte zu diesen beiden Behörden zu pflegen und auch das ist manchmal auch gar nicht so ganz einfach. Gespräche mit Schülerinnen und Schüler gehören natürlich auch zu meinen Aufgaben, mit euch treffe ich mich regelmäßig zur Aufnahme unseres Podcasts und in sogenannten Jour Fixes – das sind regelmäßige Terminen – treffe ich die Schüler:innen-Vertretung, die Elternvertretung und die Personalvertretung. Das ist ganz typisch für den Tagesablauf eines Schulleiters und natürlich auch immer wieder Teilnahme am Schulleben, so war ich letzte Woche beim Poetry Slam der Fremdsprachen und gehe heute Abend zur Theateraufführung der beiden Darstellendes Spiel-Kurse.

Kannst du dir vorstellen, einen anderen Beruf aufzunehmen, wenn ja welcher wäre das?

In meinem Alter ist die Frage nicht so ganz naheliegend. Tatsächlich bin ich sehr gerne Schulleiter und denke überhaupt nicht an was ganz anderes, in der Lebensphase, in der ich jetzt bin. Früher habe ich doch durchaus an Journalismus gedacht, weil die Arbeit an Texten, das Schreiben und Berichten etwas ist, was mich schon immer interessiert hat. Manche Menschen haben ja neben ihrer Lehrerbiografie eine Alternative, die sie nicht gewählt haben und meine wäre, glaube ich, Journalismus gewesen.

Wie war deine Jugend und hast du die Zeit genossen?

Ja, ich habe meine Jugend genossen, die war in den Achtzigerjahren und da haben für mich viele Themen eine große Rolle gespielt, die für euch auch eine große Rolle spielen, wie zum Beispiel Sport. Ich habe sehr viele Jahre mit Leidenschaft Tennis gespielt und einen großen Teil meiner Jugend auf Plätzen zugebracht und habe mich natürlich mit Freunden getroffen und Geselligkeit genossen. Das war eine gute Zeit!

Wohin verreist du, um abzuschalten?

Da habe ich eine ganz konkrete Antwort, ich habe eine Lieblingsurlaubsland und einen Lieblingsregion und das ist die Ardèche in Südfrankreich. Eine Gegend, die geprägt ist von Flüssen und Schluchten, von Natur. Das ist das Gebiet, in dem ich mindestens einmal im Jahr bin und ich möchte, ehrlich gesagt, auch nirgendwo anders  hin.

Was würdest du persönlich am Schulsystem ändern?

Dazu würde mir sehr viel einfallen, allein darüber könnten wir Stunden sprechen. Am wichtigsten finde ich die Idee der Eigenverantwortung von Schulen, dass eben da, wo Themen und Probleme auflaufen auch eine Lösung gefunden wird. Das ist meine tiefe Überzeugung. Und wir haben – auch wegen Corona, aber nicht nur – ganz viele Regularien zu beachten und Bedingungen, die von außen gesetzt werden, Gesetze, Verordnung, Erlasse. Ich glaube, damit Schulen besser werden können, brauchen sie Freiräume, in denen die Gestaltung der eigenen Arbeit stattfinden kann. Das hat natürlich etwas mit Ressourcen zu tun, mit Geld und Lehrerstunden und vor allem mit Inhaltlichem. Ich nenne mal ein Beispiel: in dieser Wochen haben wir die Akademie der Spiele, da findet das Lernen in einem ganz anderen Rahmen statt. Wir machen so etwas als Ausnahme im Rahmen von Projekten. Das ist was Tolles, das wird gefeiert und das ist großartig. Wenn wir Ideen, wie sie in der Akademie der Spiele auftauchen, aber mehr als bisher in den Schulalltag integrieren, würden wir auf Hindernisse stoßen, denn Termine für Klassenarbeiten, Leistungsbewertung, Rahmenpläne der Fächer und so weiter kollidieren mit einem so großen Projekt. Ich glaube, es lohnt sich, Schule weiterzudenken und den Schulen mehr (Gestaltungs)Freiheiten zu überantworten.

Welche Ziele und Träume verfolgst du?

Für die IGS Roderbruch ist für mich das Wichtigste, das gemeinsam Lernen gut zu organisieren. Man könnte sagen, das tun wir ja, wir sind ja eine IGS, sie steht für das gemeinsame Lernen. Wir wissen aber auch, dass das im Alltag immer wieder eine Herausforderung ist. 30 Schüler:innen in einer Klasse, manchmal 31 oder 32, zu unterrichten, in so einer Spanne, zwischen förderhaftem Lernen und Hochbegabung, erfordert eine ganz, ganz hohe Kompetenz im Unterrichten und an dieser Stelle Dinge und Mechanismen weiterzuentwickeln ist, aus meiner Sicht, für diese Schule in den nächsten Jahren das Wichtigste. Wir setzen ganz viele tolle Projekte und Kooperationen als „Add-on“ zusätzlich um. Meine Aufmerksamkeit gilt auch und vor allem dem Kleingeschäft. Auch eine kleine Englisch- oder Mathematikstunde soll gemeinsames Lernen umsetzen, das tut sie an vielen Stellen und das kann besser werden.

Was rätst du deinen Schüler:innen, denen es nicht gut geht?

Das ist eine sehr große Frage und es kommt darauf an, warum es ihnen nicht gut geht. Das ist ja sozusagen eine ganz allgemeine Problembeschreibung, ich glaube das Wichtigste, wenn ihr es so allgemein fragt, ist es, sich jemanden sich anzuvertrauen. Da haben wir eine Reihe von Möglichkeiten, zum Beispiel die Sozialpädagogen, die Beratungslehrerin, natürlich die Stammgruppenleitung, in bestimmten Fragen die Schulleitungsmitglieder, aber fast immer, in Krisen, und so verstehe ich eure Frage, ist der erste und wichtigste Schritt, diese Krise nicht mit sich selbst auszumachen zu müssen, sondern sich jemandem anzuvertrauen, sich Hilfe zu holen und zu gucken, wen brauche ich eigentlich, vielleicht jemanden, der dieses Problem kennt und schon einmal erlebt hat?

Wäre heute dein letzter Schultag, wie würdest du ihn gestalten wollen?

Mit einem Fest! Bunt und vielfältig und groß. Ich finde, es lohnt sich Anfänge und Abschiede gut in den Blick zu nehmen und zurückzublicken, nach vorne und den Augenblick zu genießen. Das hat ziemlich viel mit dem Feiern zu tun.

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