Sarah, wie wird man Maskenbildnerin?

Sarah Nerlich ist Maskenbildnerin am Schauspiel Hannover und berichtet uns von ihrem Weg dorthin.

DEIN WEG

Ich bin immer schon gerne ins Theater gegangen. Besonders das Schauspiel hat mich interessiert, weil ich schon früher gerne und viel gelesen habe. Dazu kam, dass mein Vater Musiker ist und in regelmäßigen Abständen auch im Theater Musik gemacht hat. Da habe ich ihn oft auf der Bühne angeschaut.

Nach dem Abitur habe ich erst angefangen zu studieren; ich wollte Lehrerin werden… Als ich dann aber mit dem Studium nicht wirklich glücklich war, hat mir eine Familienfreundin, die Chefmaskenbildnerin ist, ein Berufsfindungspraktikum vorgeschlagen und mir danach, direkt im Anschluss, einen Ausbildungsplatz angeboten.

DIE AUSBILDUNG

Die Ausbildung als Maskenbildnerin dauert in der Regel 3 Jahre. In diesen drei Jahren lernt man alles, was man für den Einsatz im Theater braucht. Das ist zum einen das Knüpfen von Perücken (passgenau wird ein Abdruck des Kopfes vom Schauspieler genommen, aus feinem Tüll eine Montur darauf genäht, und dann Haar für Haar  echtes Menschenhaar mit einer sogenannten Knüpfnadel im Tüll verknotet). Das Knüpfen einer Perücke dauert im Schnitt 40-60 Stunden. Manche finden es langweilig- ich liebe es. Es ist wie eine Art Meditation. Und noch dazu ein sehr altes Handwerk. Ich freue mich immer wieder darüber, dass ich es beherrsche.

Diese Perücke (und auch das Eigenhaar der Schauspieler) muss passend zu den jeweiligen Stücken geschnitten und frisiert werden. Einige Auszubildenden lernen das vorher in einer Friseurausbildung, andere- wie ich- lernen Haareschneiden- und Frisieren im Theater.

Specialeffects sind auch im Theater ein großes Thema. Dazu gehören unter anderem Narben und Wunden herstellen. Verschiedene (Kunst-) Blutarten kennen, bzw. anmischen können. Ebenso  Schminkmasken, wie blaue Flecken, herausgeschlagene Zähne, Platzwunden, etc. Auf den Maskenbildnerprüfungen werden auch diese Bereiche geprüft und benotet. Wenn dann nach der Prüfung alle Mordopfer, Boxer und Narbengesichter nebeneinander stehen, machen die Zuschauer die meisten Fotos. 

Außerdem wird in der Ausbildung der Maskenbau gelehrt (wie zum Beispiel die Tier- oder Horrormasken, die man aus dem Kaufhaus kennt). Dieser besteht aus dem Modellieren, dem Formbau, dem Ausgießen/Ausschwenken und zum Schluss dem Colorieren.

Nicht jedes Stück benötigt die oben beschriebenen Effekte. Manchmal werden die Darsteller auch nur ganz einfach geschminkt. Frauen bekommen dann ein Beauty-Make-up und eine Frisur und auch Männer werden geschminkt oder zumindest abgepudert, damit sie auf der Bühne im Scheinwerferlicht nicht zu sehr im Gesicht glänzen. Manchmal bekommen auch die Männer das aufwendige Beauty-Make-up und die Frauen tragen im Stück den Vollbart…

EIN TYPISCHER ARBEITSTAG 

So wirklich typische Arbeitstage gibt es eigentlich nicht im Theater. Es gibt immer etwas neues und anderes zu tun. Klar sitzen wir auch viel in der Werkstatt und knüpfen Perücken, aber dann beginnen die Proben für ein neues Stück und die Maskenbildner stehen wieder vor neuen Aufgaben.

Maskenbildner arbeiten eng mit den Kostümbildnern zusammen. Diese sind Teil des Regieteams, das für ein bestimmtes Stück engagiert ist. Für dieses Stück hat sich das Regieteam genau überlegt, wie es aussehen soll, wie die Bühne aussieht, wie die Geschichte erzählt wird und wie die Schauspieler aussehen sollen. Die Kostümbildner kommen dann zur Maske und besprechen mit den zuständigen Maskenbildnern, was sie sich vorstellen. Hier fängt dann die Arbeit der Maskenbildner an. Sie sagen, was möglich ist, was zum Beispiel in die Epoche passt, und fangen dann an vorzubereiten. 

Unsere Arbeitszeiten sind unterteilt in  Werkstatt-und Abenddienste. Während wir in der Werkstatt Perücken etc. vorbereiten, arbeiten wir beim Abenddienst direkt an den Schauspielern. 

Vor den Vorstellungen (am Theater gibt es fast jeden Abend mindestens eine Vorstellung) kommt der oder die Schauspieler/in in die Maske und wird dort von seinem/r Maskenbildner/in geschminkt, frisiert, bzw. bekommt die Perücke aufgesetzt. 

Die Arbeitszeiten der Maskenbildner sind gewöhnungsbedürftig. Manchmal haben wir unter der Woche ein bis zwei Tage frei, müssen dann aber am Wochenende jeden Abend arbeiten. Feiertage, wie zum Beispiel Weihnachten und Silvester arbeiten Maskenbildner fast immer. 

Ferien machen wir einmal im Jahr sechs Wochen am Stück im Sommer.

ERFOLGSERLEBNISSE?

Wir Maskenbildner sind die letzte Station, bevor die Schauspieler auf die Bühne gehen und spielen. Da kommt es schon mal vor, dass ein Darsteller zum Beispiel sehr nervös ist. Es ist wichtig, dass ein Maskenbildner einfühlsam ist und ein Gespür für Situationen und Stimmungen hat. Ein bisschen Psychologie gehört auch zu unserem Beruf. Mir ist wichtig, dass die Schauspieler sich auf meinem Stuhl in der Maske wohl und unterstützt fühlen und somit konzentriert und gut vorbereitet auf die Bühne gehen können.

Ich bin zufrieden, wenn der Schauspieler zufrieden ist und ich ihm mit meiner Arbeit helfen kann, in seine Rolle zu finden. Ich begreife die Arbeit der Maskenbildner Abend für Abend als Kunst. An den meisten Theatern betreut ein Maskenbildner ein Stück von den Proben bis zur letzten Vorstellung. Das finde ich sehr wichtig, weil jeder von uns Maskenbildnern eine andere Handschrift hat. Der Schauspieler braucht die Routine und kann nicht jeden Abend anders aussehen. Ein Maskenbildner ist nicht so einfach austauschbar, da er, ähnlich dem Schauspieler, seine Arbeit an dem Stück von Probe zu Probe entwickelt und  perfektioniert hat.

Wenn ich am Premierenabend auf der Seitenbühne stehe und dem Applaus lausche und das schöne Gefühl habe, ein Teil des Ganzen zu sein, dann habe ich eine erfolgreiche Arbeit gehabt und bin zufrieden.

 

 

PRIVATLEBEN

Ich habe ein Privatleben. Mein Mann ist Schauspieler. Ich habe ihn in Düsseldorf, wo ich nach meiner Ausbildung am Schauspielhaus gearbeitet habe, bei dem Stück Maria Stuart kennengelernt. Bei der abendlichen Maske (er hat eine blonde Langhaarperücke von mir bekommen), haben wir uns verliebt. 

Es gibt viele Paare, die sich im Theater kennengelernt haben. Mir hilft es, den Beruf meines Mannes zu verstehen und er kennt meinen Beruf. Wir sind beide in bestimmten Momenten sehr nah mit anderen Menschen- nur rein beruflich natürlich. So könnte schon mal Eifersucht entstehen – da wir aber beide absolute Theatermenschen sind, wissen wir die Sachen besser einzuordnen. 

Die Arbeitszeiten machen es natürlich auch nicht unbedingt einfach, sich unter normal arbeitende Menschen zu mischen. Wenn andere sich um 20 Uhr für die Kneipe oder fürs Kino verabreden, arbeite ich noch mindestens zwei Stunden. 

Aber dafür wird die Arbeit auch wirklich nicht so schnell langweilig, weil eben immer irgendwas los ist. 

Und Theatermenschen können gute Partys feiern. Da lohnen sich die zum Teil schwierigen Arbeitszeiten auch manchmal…

TYPISCHE FRAGEN VON AUSSENSTEHENDEN AN DICH

Was machst du vormittags? Oft können sich Leute nicht vorstellen, was wir tagsüber machen. Sie denken unser Beruf (und auch die Berufe der anderen Theaterleute, wie Schauspieler etc.) findet nur am Abend und benötigt keine Vorbereitungszeiten- weit gefehlt…

Ist Perücken knüpfen nicht langweilig? Haar für Haar- das könnte ich nie! Diese Sätze sind sicher nicht blöd gemeint- aber wenn man das zum Beispiel bei Führungen zum (ungelogen) tausendsten Mal hört, nervt es schon ein wenig. Lustig finde ich, dass diese Sätze meist von Leuten kommen, die selbst einen total langweiligen Bürojob haben und nur von Wochenende zu Wochenende leben…

Willst du später Visagistin werden? Die Frage mag ich gar nicht. Ich weiß, auch das ist nicht böse gemeint. Aber Visagistik kannst du in einem Kurs an einem Wochenende lernen; Maskenbildnerei ist eine aufwendige Ausbildung. Sicher gibt es auch sehr gute Visagisten, von denen auch ich noch etwas lernen könnte, aber Maskenbildnerei und Visagistik sind einfach unterschiedliche Berufe. Der Beruf des Maskenbildners ist übrigens seit 2005 geschützt und die Auszubildenden werden staatlich geprüft. Deshalb dürfen sich Friseure, Visagisten, etc. nicht mehr einfach Maskenbildner nennen, wie es vor 2005 oft vorkam.

Hast du ein Privatleben? Häufige Frage. Antwort siehe oben…

Ich liebe auch Theater. Besonders König der Löwen und Cats…

Es gibt einen Unterschied zwischen diesen Massenabfertigungs-Musicals und unserem Theater. Im Theater ist die Kunst freier und der Verstand wird mehr gefordert. Wer ins Theater geht, bei dem passiert im besten Fall etwas im Kopf, dem wird nicht einfach etwas vorgesetzt. 

Wir Theaterleute denken uns etwas bei den Stücken und wir wollen, dass der Zuschauer mitdenkt. Ein guter Theaterabend ist es, wenn beide Seiten (auf der Bühne und im Zuschauerraum) etwas vom Erlebten mitnehmen. Das muss nicht immer nur etwas ernstes oder politisches sein, das kann auch mit Lachen verbunden sein und mit einem neuen Blick auf bestimmte Situationen. 

Theater soll den Verstand wachhalten und öffnen für Neues oder Fremdes. Wenn man etwas nicht gleich versteht, sollte man sich nicht angegriffen fühlen, sondern versuchen zu verstehen. Oder Fragen stellen. Sprechen. Über Gesehenes reden. Vielleicht sogar mit Fremden.