Ein ganzes halbes Semester

Wie schon immer zum Jahresende stehen Rückblicke an der Tagesordnung. Als Schüler war der Jahreswechsel für mich nicht viel mehr als ein freier Tag und ein, mehr oder weniger gelungener, Anlass für Party und Feuerwerk. Der eigentliche Beginn eines neuen Abschnitts kam nicht zur Geltung. Schließlich sind die Sommerferien das eigentliche Highlight und stehen auch für ein neues Schuljahr. Mit dem Jahreswechsel beginnt ja nicht ein mal ein neues Schulhalbjahr. Die Zeugnisse sind erst Ende Januar fällig. Einzig und allein in meinem letzten Schuljahr waren die Weihnachtsferien und der Jahreswechsel von größerer Bedeutung: damals läuteten sie den Beginn des Abiturs ein. Die klare Ansage lautete, dass es ratsam wäre schon in den Ferien für das Vorabitur zu lernen. Auch dieses Jahr geht es einem ganzen Jahrgang wieder so.

Na habt ihr schon alle fleißig gelernt? Falls nicht ist das auch ein guter Neujahrsvorsatz. Für mich heißt es in diesem Jahr auch wieder lernen, lernen, lernen. Nicht für das Abitur sondern für die Uni (lernen wir äh ich). Die Klausuren stehen im Februar an und die Ansage der Profs und Dozenten vor den Ferien ähnelte denen meiner Lehrer im letzten Schuljahr. So kommt es, dass sich das erste Semester wieder ein bisschen so anfühlt wie die Zeit vor dem Abitur. Die allermeisten haben noch nie eine Klausur an der Uni geschrieben oder wenn dann zumindest nicht in diesem Studiengang. Hektik, Hysterie und leider auch Panik macht sich breit. Die Frage wie weit man denn schon sei, kann zu Schweißausbrüchen führen. Doch immerhin eine Frage erübrigt sich im Studium: während vor dem Abitur auch noch wirklich jeder wissen wollte, was man denn nach dem Abi so vorhabe, ist das bei den Uniklausuren im Februar zum Glück nicht der Fall. Doch in der Zeit rund ums Abitur, ist diese Frage allgegenwärtig. Ob als ehrliches Interesse, besorgte, fast drängende Nachfrage oder auch als Smalltalk-Einstiegs-Frage auf Partys oder sonstwo. Auch das kann, neben all dem zu wiederholenden Stoff, Stress verursachen. Daher möchte ich, im Zuge des Rückblickmarathons, von einem dieser besagten Gespräche berichten, dem ich im vergangenen Jahr beiwohnte und welches sich auch um diese Frage drehte. Zum besseren Verständnis: es handelt sich dabei um die Smalltalk-auf-Party-Situation:

„Und was willst du nach dem Abi machen?“

„Ich hab kein Abi.“

„Ah,äh … okay.“

„Ja, hab die Zulassung nicht geschafft und hab dann Fachabitur gemacht.“

„Achso. Und was machst du jetzt?“

„Ich arbeite in nem Kiosk.“

„Und dann?“

„Wie? Und dann?“

Ich muss schon sagen: diese Lässigkeit, die der Typ damals an den Tag legte, beeindruckte mich, damals geplagt von Planlosigkeit und Lernstress, aber auch heute noch, geplagt von Planlosigkeit und Lernstress, nachhaltig. Und jetzt, mitten in dieser Klausurenhektik kam mir dieses Gespräch aus dem letzten Jahr wieder in den Sinn. Heute bin ich mir sicher, dass ein bisschen mehr Lässigkeit vor und in den Abiturprüfungen  mir und auch einigen meiner Mitschüler ganz gut getan hätte. Lasst euch nicht allzu sehr unter Druck setzen. Egal ob von Prüfungsergebnissen oder dem „Was danach?“- oder wie es Tom Kraftwerk mal gut auf den Punkt gebracht hat: „Abitur mit 17, Bachelor mit 20, Master mit 22. Es scheint noch nicht bei allen angekommen zu sein, dass die Lebenserwartung über 36 gestiegen ist.“

In diesem Sinne: kommt gut ins neue Jahr!