Am achten September kamen die Zahlen: 486 Punkte in Naturwissenschaften, 465 im Lesen, 464 in Mathematik. Die schlechtesten Werte, die je für Deutschland gemessen wurden.
Ein Drittel der Fünfzehnjährigen verfügt im Lesen und in Mathematik nicht über ausreichende Basiskompetenzen, ein Viertel in den Naturwissenschaften. Im Durchschnitt der OECD ist inzwischen jeder Fünfte in allen drei Bereichen leistungsschwach. 2022 waren es 16 Prozent.
Der Rückgang in den Naturwissenschaften beträgt sechs Punkte gegenüber 2022 und gilt damit als statistisch nicht bedeutsam. Eindeutig ist die Verschlechterung in Mathematik und im Lesen. Zur Einordnung: 20 bis 30 Punkte entsprechen etwa einem Lernjahr.
Eine Zahl steht quer zu allem, was danach diskutiert wurde. Zwei Prozent der Jugendlichen aus einkommensschwachen Familien erreichen die hohen Kompetenzstufen. Aus wohlhabenden Familien sind es fünfundzwanzig. Der Einfluss der Herkunft ist dreimal so stark wie in Kanada und so groß wie zu keinem Zeitpunkt seit dem Jahr 2000.
Das unsichtbare Fünftel ist nicht zufällig verteilt. Es hat eine Adresse.
Zwei Tage liefen die Talkshows. Danach redeten alle über Handys.
Warum ausgerechnet darüber, lässt sich erklären. Es ist die einzige Erklärung, die keine Verteilungsfrage stellt.
Gegen sie spricht auch der internationale Vergleich. Zwischen 2015 und 2025 verlor der Durchschnitt der OECD im Lesen 28 Punkte und in Mathematik 22. Bei den Teilnehmern außerhalb der OECD waren es 16 und 8. Der Einbruch ist ein Phänomen der wohlhabenden Länder, Smartphones gibt es überall.
Das zweite Argument, das Jugendliche anführen, ist die Chronologie: Die Werte sinken seit zehn Jahren, generative KI gibt es seit drei. Es ist gut, aber nicht so gut, wie es klingt. Dass ein Trend 2015 begann, schließt nicht aus, dass ihn etwas seit 2023 verstärkt. Diese Zahlen können die KI weder belasten noch entlasten.
Das Handy ist kein Aufmerksamkeitsproblem
64 Prozent der Befragten in Deutschland besuchen eine Schule mit Handyverbot, im Durchschnitt der OECD sind es 49. Wo die Nutzung auf dem Schulgelände untersagt ist, sinkt die Wahrscheinlichkeit digitaler Ablenkung um rund 22 Prozent.
Gelöst ist damit nichts. Nur 37,5 Prozent in Deutschland nehmen überhaupt keine Ablenkung wahr. Im Durchschnitt der OECD sind es 39,2 Prozent, also mehr, bei deutlich weniger Verboten.
Auch die Forschung ist uneins. Eine Untersuchung der University of Birmingham an 30 Schulen fand keinerlei Unterschiede bei Leistung und Wohlbefinden, weil die Gesamtnutzungszeit trotz Verbot gleich blieb. Eine englische Studie von 2016 fand nach der Einführung von Verboten deutlich bessere Testergebnisse, am stärksten bei den leistungsschwächsten Schülerinnen und Schülern.
Der wichtigste Befund kam in keiner Talkshow vor. Wer von abgelenkten Mitschülern umgeben ist, schneidet schlechter ab, ist weniger engagiert und fühlt sich der Schule weniger zugehörig. Die Ablenkung der anderen kostet also auch die, die konzentriert bleiben.
Damit ist die Handyfrage keine Frage der Erziehung, sondern eine der Gerechtigkeit. Ein Verbot hebt nicht die Leistung aller. Es schützt womöglich genau das Fünftel.
In Niedersachsen ist längst entschieden
Es gibt drei Modelle. In sechs Ländern gilt ein gesetzliches Verbot, meist begrenzt auf bestimmte Jahrgänge. Zwei Länder verpflichten ihre Schulen, sich eine verbindliche Ordnung zu geben. Im Rest entscheidet jede Schule selbst.
Niedersachsen gehört zur dritten Gruppe. Im März 2026 hat der Landtag im Kultusausschuss Schulleitungen, Lehrkräfte und Schülervertretungen angehört. Die Landesregierung setzt weiter auf Empfehlungen, die Opposition will ein Gesetz.
Es fehlt also keine Entscheidung. Die Entscheidung lautet, sie weiterzureichen. Wer wissen will, warum an seiner Schule gilt, was gilt, muss nicht ins Kultusministerium schauen, sondern ins Protokoll der eigenen Schulkonferenz.
Die KI ist keine Frage des Ob mehr
Fünfzig Prozent der Fünfzehnjährigen in Deutschland nutzen mindestens einmal pro Woche einen Chatbot, um beim Lernen Hilfe zu bekommen. Knapp 60 Prozent geben an, im Unterricht zu lernen, wie man mit KI erzeugte Informationen bewertet. Verbieten und Erlauben sind keine Alternativen mehr, entschieden wurde von unten.
In der Klausur bleibt es einfach, denn dort gilt schon das Mitführen eines Gerätes als Täuschungsversuch, und das ist belegbar. Anderswo ist der Vorwurf nicht mehr zu führen. Ein Text klingt plötzlich anders als das, was dieselbe Person zwei Wochen zuvor im Unterricht gesagt hat, aber Verdacht ist kein Beweis.
Die Erkennungsprogramme liefern auch keinen. Der Digitale Lehre Hub Niedersachsen empfiehlt, im Prüfungskontext ganz auf sie zu verzichten und die Ressourcen stattdessen in die Prüfungsformate zu stecken. Vor Verwaltungsgerichten galten ihre Ergebnisse bisher als Indiz, nicht als Beweis. OpenAI hat den eigenen Klassifikator nach wenigen Monaten zurückgezogen. Falsch positive Treffer treffen überdurchschnittlich häufig Texte von Nichtmuttersprachlern.
Auch der Verdacht ist sozial verteilt.
Übrig bleibt ein ungesunder Zustand. Die Lehrkraft weiß etwas und kann es nicht belegen, die Schülerin weiß, dass die Lehrkraft es nicht belegen kann und dazwischen entsteht eine Note.
Die unspektakuläre Lösung wäre, das Gewicht der unbeaufsichtigten Leistungen so weit zu senken, dass sich der Betrug nicht mehr lohnt. Keine moralische Antwort, sondern eine ökonomische.
Sie hat einen Preis. Was gewinnt, ist die Klausur, also das Format, das Tempo und Prüfungsroutine belohnt. Was verliert, sind Facharbeit und Hausarbeit, also die Formate, in denen Selbststeuerung geübt wird. Wer diese Lösung vorschlägt, sollte das dazusagen.
Warum beides dasselbe Thema ist
PISA hat 2025 erstmals das Problemlösen in digitalen Umgebungen erhoben. Fast zwei Drittel der Jugendlichen erreichten dort das maßgebliche Niveau. Aber nur die Hälfte erreichte es und verfügte gleichzeitig über Basiskompetenzen im Lesen, in Mathematik und in den Naturwissenschaften.
Wer nicht sicher liest, kann eine Antwort nicht prüfen, die eine Maschine geschrieben hat. Für die Spitzengruppe ist das Sprachmodell ein Werkzeug. Für das Fünftel wird es ein Ersatz.
Deshalb sind die Debatte über Handys und die Debatte über Grundlagen nicht zwei Debatten. Und eine Aufgabe, die ein Sprachmodell in acht Sekunden löst, war vermutlich vorher schon keine gute Aufgabe.
