Ein Beitrag vom Wahlpflichtkurs Kunst und Politik
Vom 22. bis zum 26. September beschäftigt sich Hannover fünf Tage lang mit einer Frau, die vor 120 Jahren hier geboren wurde und die die meisten von uns bisher vor allem als Namen auf einem Straßenschild kannten.
Das Motto der Hannah-Arendt-Tage 2026 besteht aus einem Zitat von ihr: stop and think und klingt im ersten Moment nach einem dieser Sprüche, die man auf Kaffeetassen in Souvenirshops findet, gleich neben Live Laugh Love.
Tatsächlich ist es eine Zumutung, denn Arendt verspricht nirgends, dass Nachdenken einen zu einem besseren Menschen macht. Sie behauptet eher das Gegenteil, nämlich dass Denken die Gewissheiten wegräumt, mit denen man vorher ganz gut zurechtkam, ohne einem neue dafür zu geben.
Die Frau, die achtzehn Jahre lang keinen Pass besaß
Geboren 1906 in Linden und aufgewachsen in Königsberg, studierte sie mit achtzehn Philosophie bei Martin Heidegger und begann eine Liebesbeziehung mit ihm, obwohl er ihr Professor war und 1933 in die NSDAP eintrat. Nach dem Krieg nahm sie den Kontakt zu ihm trotzdem wieder auf. Das sorgt bis heute für Verwunderung.
Im selben Jahr sammelte sie in der Preußischen Staatsbibliothek antisemitische Äußerungen aus ganz gewöhnlichen Zeitungen und Vereinssatzungen, um im Ausland zu belegen, wie tief der Judenhass schon in der Mitte der Gesellschaft steckte. Die Gestapo verhaftete sie dafür und hielt sie acht Tage fest, dann floh sie über die grüne Grenze nach Paris.
1940 internierte Frankreich sie als feindliche Ausländerin im Lager Gurs, sie entkam und erreichte 1941 New York, wo sie achtzehn Jahre lang staatenlos blieb.
Auch aus diesem Umstand entstand der gewichtige Gedanke: Menschenrechte gelten auf dem Papier für alle, einklagen kann sie aber nur, wer irgendwo dazugehört und deshalb sprach Arendt vom Recht, Rechte zu haben. Wer nirgends dazugehört, hat nicht wenige Rechte, sondern gar keine.
Die Theorien von Hannah Arendt
Arbeiten, Herstellen, Handeln. In ihrem Hauptwerk Vita activa sortiert Arendt alles, was Menschen tun, in drei Fächer. Arbeiten hält das Leben am Laufen und wiederholt sich ewig, weshalb die Spülmaschine morgen wieder ausgeräumt werden muss. Herstellen bringt etwas hervor, das bleibt, und der Hersteller weiß vorher, wie es aussehen soll. Handeln findet nur zwischen Menschen statt, ohne Material, und niemand kann vorhersagen, wie es ausgeht. Ihre Sorge: Moderne Gesellschaften verwandeln alles in Arbeit und behandeln auch Politik nur noch als Verwaltung durch Fachleute. Dann verschwindet das Handeln, und mit ihm die Freiheit.
Politik lebt davon, dass wir verschieden sind. Nicht der Mensch lebt auf der Erde, sondern Menschen im Plural, lautet einer ihrer bekanntesten Sätze. Wir sind gleich, weil wir alle Menschen sind, und gleichzeitig verschieden, weil niemand die Welt von derselben Stelle aus sieht. Ihr Bild dafür ist ein Tisch, der die Leute verbindet und zugleich auf Abstand hält, denn zieht man ihn weg, sitzen alle enger beieinander und haben trotzdem nichts mehr, worüber sie sprechen könnten.
Es kann jederzeit etwas Neues anfangen. Weil ständig Menschen geboren werden, die vorher niemand berechnen konnte, kann immer wieder etwas beginnen, das nicht aus dem Vorhandenen folgt. Natalität nennt Arendt das, und es ist ausdrücklich kein Optimismus, sondern ihre Antwort auf Herrschaftsformen, die genau das Unberechenbare abschaffen wollen. Weil Handeln aber nicht zurückzunehmen ist, braucht es zwei Rettungsanker: Verzeihen befreit von dem, was schon passiert ist, Versprechen macht die Zukunft ein wenig verlässlicher. Beides funktioniert nur mit anderen.
Macht und Gewalt sind Gegensätze. Das ist ihr überraschendster Satz. Macht entsteht, wenn Menschen gemeinsam handeln, und verschwindet in dem Moment, in dem sie auseinandergehen. Gewalt braucht Werkzeuge und tritt genau dann auf, wenn die Macht bereits verloren ist. Gewalt kann Macht zerstören, aber niemals erzeugen. Wer Panzer braucht, hat schon verloren, auch wenn es meistens sehr lange dauert, bis das jemand merkt.
Das Böse braucht keine Monster. 1961 saß sie im Prozess gegen Adolf Eichmann in Jerusalem und erwartete einen Dämon, sah aber einen Mann im Glaskasten, der in Amtsdeutsch redete und stolz darauf schien, seine Pflicht getan zu haben. Ihr Urteil: nicht dumm, sondern gedankenlos, weil er sich nie gefragt hat, wie das aussieht, was er tut. Banal heißt dabei nicht harmlos, die Taten waren monströs, nur der Täter war es nicht, und eine Entschuldigung ist es auch nicht, denn Arendt hielt seine Hinrichtung für richtig. Ihre Pointe ist unbequemer als jede Monstertheorie: Wenn keine Ungeheuer nötig sind, sondern angepasste Mitmacher genügen, ist niemand automatisch auf der sicheren Seite. Das Buch kostete sie einen großen Teil ihrer Freundschaften.
Denken und Urteilen. Denken ist bei ihr kein Wissenserwerb, sondern das stille Gespräch mit sich selbst, und es liefert keine Ergebnisse, sondern löst Gewissheiten auf. Was man politisch wirklich braucht, ist Urteilen: den Einzelfall beurteilen, ohne eine fertige Regel darüberzulegen, indem man sich vorstellt, wie die Sache von anderen Standpunkten aus aussieht. Den Band darüber wollte sie zuletzt schreiben. Sie starb vorher, in ihrer Schreibmaschine steckte ein Blatt mit der Überschrift und zwei Zitaten.
Ideologie, Terror, Verlassenheit. Totale Herrschaft ist für Arendt keine besonders strenge Diktatur, sondern etwas anderes. Sie braucht eine Idee, aus der sich alles ableiten lässt und die keine Erfahrung mehr zulässt und sie braucht Terror, der auch dann weiterläuft, wenn längst niemand mehr Widerstand leistet. Vorausgesetzt wird, dass die Menschen vereinzelt sind. Alleinsein ist für sie dabei das Gute, nämlich das Gespräch mit sich selbst, während Verlassenheit bedeutet, weder bei anderen noch bei sich selbst zu sein. Wer so verlassen ist, greift nach der einen Erklärung, die alles erklärt, weil sie wenigstens Halt gibt. Wer wissen will, wie Radikalisierung im Netz abläuft, findet die Beschreibung dafür in einem Buch von 1951: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft (1951). Darin beschreibt Arendt, wie totalitäre Bewegungen Menschen isolieren, verunsichern und schließlich für ideologische Weltbilder empfänglich machen. Einige dieser Mechanismen lassen sich erstaunlich gut auf heutige Radikalisierungsprozesse im Internet übertragen.
Wahrheit und Politik. Politik ist für sie Sache der Meinung, denn wer die Wahrheit zu besitzen glaubt, muss nicht mehr streiten, sondern nur noch belehren oder zwingen. Gleichzeitig verteidigt sie Tatsachen kompromisslos, weil über Tatsachen nicht abgestimmt wird. Das Gefährliche an politischen Lügen ist nicht, dass Menschen etwas Falsches glauben, sondern dass sie am Ende gar nichts mehr glauben und damit die Fähigkeit zu urteilen verlieren. Wer schon einmal fünf Minuten in einem Kommentarbereich verbracht hat, weiß, wie das aussieht.
Freundschaft, Weltliebe, Ungehorsam. Freundschaft ist bei Arendt keine Privatsache. Im Gespräch mit einem Gegenüber erfahre ich, wie dieselbe Welt einem anderen Menschen erscheint, und dadurch wird sie überhaupt erst gemeinsam. Amor mundi, Liebe zur Welt, meint die Bereitschaft, für diese gemeinsame Welt Verantwortung zu übernehmen. Und weil die Frage bei uns regelmäßig aufkommt: Zivilen Ungehorsam hält Arendt nicht für eine Sache des guten Gewissens, sondern für das Handeln organisierter Minderheiten, die öffentlich und ohne Gewalt auftreten.

Der Gast aus New York
Eröffnet werden die Hannah Arendt Tage 2026 von Roger Berkowitz, der am Bard College nördlich von New York lehrt, ursprünglich Jura studiert hat und 2006 das Hannah Arendt Center gegründet hat. Er macht den Podcast Reading Hannah Arendt, schreibt den Newsletter Amor Mundi und bekam 2019 den Hannah Arendt Preis für politisches Denken.

Im Oktober erscheint sein Buch A World We Share mit einer ziemlich steilen Behauptung: Politik lasse sich nicht durch Wahrheit retten, denn wer die eine richtige Wahrheit zu besitzen glaubt, muss nicht mehr streiten, sondern nur noch belehren oder zwingen. Den Kitt der Demokratie sieht er woanders, nämlich in der Fähigkeit, Beziehungen zu Menschen zu halten, mit denen man ganz und gar nicht einer Meinung ist. Freundschaft also, aber nicht als Kuschelbegriff, sondern als politische Angelegenheit.
Dann gibt es noch den Teil, der nicht im Programmheft steht. 2017 lud Berkowitz den AfD Politiker Marc Jongen an sein Zentrum ein, weil man über die Krise der Demokratie nicht sprechen könne, ohne jemanden anzuhören, der eine illiberale Demokratie tatsächlich will.
Dutzende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler widersprachen ihm in einem offenen Brief mit dem Vorwurf, Jongen habe dort Arendts Namen benutzen können, um rechtsextreme Positionen normal aussehen zu lassen.
Was sonst noch los ist
In der VHS zeigt das Deutsche Exilarchiv eine Ausstellung über Fred Stein, der wie Arendt fliehen musste und die bekanntesten Porträts von ihr gemacht hat. Im Haus der Heise Gruppe wird diskutiert, ob wir das Denken gerade an künstliche Intelligenz abgeben, was ungefähr die aktuellste Form der Frage ist, die Arendt am Fall Eichmann gestellt hat.
Dazu kommen ein Salongespräch in der Villa Seligmann, ein Vortrag an der Leibniz Universität über das Buch zur totalen Herrschaft, das vor 75 Jahren erschien und zum Abschluss am Samstag im Schloss Herrenhausen eine Diskussion darüber, warum autoritäre Angebote gerade so gut ankommen.
Interessant ist auch der Abend mit dem Schauspiel Hannover: ein performativer Rundgang durch die Graphic Novel Die drei Leben der Hannah Arendt und anschließend ein Gespräch unter dem Titel How to draw a soul, in dem es darum geht, ob Kunst einen Zugang zu einem Denken schaffen kann, an den Texte nicht herankommen.
Die IGS Roderbruch ist natürlich auch wieder dabei, mit einem Poetry Slam bei der Eröffnung und mit Interviews hier im Blog.
Wer vorher reinschauen will und nicht gleich ein Buch lesen möchte, findet online das Fernsehinterview, das Arendt 1964 Günter Gaus gegeben hat. Sie raucht dort ununterbrochen und widerspricht ihm schon in der ersten Minute, weil er sie als Philosophin ankündigt.
