
Wenn ich meine Mutter beschreiben soll, merke ich, dass das gar nicht so einfach ist. Sie ist für mich so selbstverständlich Teil meines Alltags, dass ich vieles lange gar nicht bewusst wahrgenommen habe. Erst wenn ich genauer hinschaue, fallen mir die kleinen Dinge auf: wie sie morgens als Erste aufsteht, obwohl sie genauso müde aussieht wie ich. Wie sie beim Abendessen nachfragt, auch wenn ich nur kurz antworte. Wie sie scheinbar nebenbei organisiert, plant und sich kümmert.
Ohne sofort „Mutter“ zu sagen, würde ich sie als ruhigen, verantwortungsbewussten Menschen beschreiben. Sie denkt viel nach, bevor sie etwas sagt, und wirkt nach außen oft gelassen. Gleichzeitig habe ich das Gefühl, dass sie innerlich ständig mitdenkt – an Termine, an Verpflichtungen, an Dinge, die erledigt werden müssen. Vieles davon bleibt unsichtbar.
Als Mutter erlebe ich sie nicht laut oder besonders streng, sondern eher konsequent auf eine ruhige Art. Sie erwartet von mir, dass ich Verantwortung übernehme, aber sie lässt mich auch wissen, dass ich nicht alles alleine schaffen muss. Ihre Fürsorge zeigt sich nicht in großen Worten, sondern im Alltag: in Gesprächen in der Küche, in kurzen Nachrichten zwischendurch oder darin, dass sie merkt, wenn etwas mit mir nicht stimmt, obwohl ich nichts sage.
Manchmal frage ich mich, wie das Leben meiner Mutter ausgesehen hat, bevor es mich gab. Bevor sie „Mama“ war. Es ist ein merkwürdiger Gedanke, dass sie einmal einfach nur Sabrina war – ohne Elternabende, ohne vergessene Sportsachen, ohne mich.
Ich stelle mir vor, dass ihr Alltag leiser war. Vielleicht ist sie morgens aus dem Haus gegangen, ohne an jemanden außer sich selbst denken zu müssen. Vielleicht hatte sie Pläne, die nur ihr gehörten. Berufliche Ziele, Reisen, spontane Entscheidungen. Ich glaube, sie war unabhängiger, freier in ihren Abläufen. Nicht, weil sie heute unfrei ist, sondern weil Verantwortung Zeit und Raum verändert.
Wenn sie manchmal von „früher“ erzählt, klingt es fast wie eine andere Person. Sie spricht von Freundinnen, mit denen sie viel unterwegs war, von Abenden, die länger dauerten als geplant, von Träumen, die sich noch nicht an den Alltag anpassen mussten. In diesen Momenten merke ich, dass sie ein ganz eigenes Leben hatte, mit Sorgen und Hoffnungen, die nichts mit mir zu tun hatten.
Gleichzeitig denke ich, dass vieles von dem, was sie heute ausmacht, schon damals da war. Ihre Zielstrebigkeit. Ihre Art, Dinge ernst zu nehmen. Vielleicht war sie schon immer jemand, der Verantwortung übernimmt – nur eben für andere Bereiche ihres Lebens.
Es ist seltsam, sich die eigene Mutter als junge Frau vorzustellen, die Entscheidungen getroffen hat, ohne zu wissen, dass ich einmal dazugehören würde. Aber genau dieser Gedanke zeigt mir, dass sie nicht nur meine Mutter ist. Sie ist eine Person mit einer Geschichte, die lange vor mir begonnen hat – und die sie geprägt hat, bevor sie begann, mich zu prägen.
Welche Tätigkeiten leistest du als Mutter, die niemand benennen würde, wenn du es nicht selbst tust?
Einkaufen und Mahlzeiten planen unter Berücksichtigung von Vorlieben und Abneigungen der im Haushalt lebenden Personen. Freizeit- und Urlaubsplanung mit Kostenkalkulation, Wünschen und Zeiten. Versuchen, in jeder Situation auf alles vorbereitet zu sein, zum Beispiel Wechselwäsche. Fürsorge leisten. Meinen Kindern Hilfe leisten und anbieten, obwohl sie nicht unbedingt danach fragen oder auch nicht wissen und merken, dass ich im Hintergrund agiere.
Was davon wird als „Charaktereigenschaft“ gelesen, obwohl es eigentlich Arbeit ist?
Eventuell würden manche sagen, dass ich gerne plane und organisiere. Ich sehe das aber eher als unabdingbar an, damit man nicht im Chaos versinkt und Unzufriedenheit herrscht. Für viele gelte ich sicherlich auch als sehr fürsorgliche Person, aber das Wohl meiner Familie liegt mir am Herzen und ich möchte immer, dass sie wissen, welchen Stellenwert sie für mich haben, damit sie auch in schwierigen Situationen immer wissen, wo sie Hilfe bekommen. Das bedeutet, dass man sich selbst zurückstellt und immer ein bisschen das Gute in der Situation sucht.
Ab welchem Moment beginnt diese Arbeit für dich – und endet sie jemals?
Die Arbeit endet in dem Sinn nie und beginnt mit der Geburt. Sie verändert sich sicher mit dem Alter der Kinder. Große Kinder können und müssen mehr Entscheidungen alleine treffen und zu ihren Entscheidungen stehen. Das bedeutet aber auch, dass ich als Mutter trotzdem Bedenken oder Zuspruch in dem Maße äußere, dass die Kinder sich ihr eigenes Meinungsbild erstellen können. Zudem muss man immer den Rückhalt bilden, wenn etwas aus Unerfahrenheit oder falschen Entscheidungen nicht so läuft, wie es zufriedenstellend ist.
Wer trägt in deinem Alltag die letzte Verantwortung, wenn etwas schiefgeht?
Ich finde, in letzter Instanz tragen immer die Eltern die Verantwortung und im engeren Sinn derjenige, der sich mit dem Thema auseinandergesetzt hat. In unserer Familie ist die Rollenverteilung eher klassisch, darum trage ich viel Verantwortung in Entscheidungen und Situationen. Allerdings ist es bei uns trotzdem so, dass wir uns in schwierigen Entscheidungen und Situationen absprechen und mein Mann hinter mir steht, falls es dann doch nicht richtig war.
Was würde passieren, wenn du diese Verantwortung sichtbar zurückgibst oder teilst?
Wenn ich meinem Kind die Verantwortung in Situationen übertrage, die neu für es sind, dann erwarte ich, dass das Kind die Verantwortung schätzt und erfüllt. Aber ich erwarte nicht, dass das Kind die Verantwortung und Situation so löst, wie ich es mit meiner Lebenserfahrung machen würde. Darum würde wahrscheinlich trotzdem immer wieder ein Teil nicht erfüllt oder nur teilweise erfüllt sein.
In welchen Situationen merkst du, dass „Liebe“ als Argument benutzt wird, um Leistung einzufordern?
Ich versuche, Liebe und Zuneigung nicht als Zahlungs- oder Druckmittel zu verwenden. Es ist nicht so, dass ich, wenn ich in eine Auseinandersetzung mit einem Kind gerate und mich ungerecht behandelt fühle oder das Handlungsspektrum des Kindes nicht verstehe, meine Liebe verweigere. Als die Kinder kleiner waren, hat meistens das Gegenteil funktioniert. Wenn die Kinder wütend waren, versuchte ich ihnen mehr Liebe und Zuneigung zu zeigen, damit sie merken, dass es nicht davon abhängt.
Wann hast du zuletzt gemerkt, dass du es „richtig“ machen willst und für wen?
Beim Abschluss und der Wahl des weiteren Werdegangs meines Sohnes.
Welche Erwartungen widersprechen sich in deinem Muttersein konkret?
Dass Kinder spielen, lachen und laut sind und nicht immer alles perfekt laufen muss, damit es läuft. Es ist nicht schlimm, wenn man Hilfe braucht, und ich helfe immer und allen gerne über das Maß hinaus, aber selbst würde ich nie nach Hilfe fragen. Ich versuche immer, alles alleine oder innerhalb der Kernfamilie zu schaffen. Das bringt mich manchmal an meine Grenzen. Ich mag beim Arbeiten, bei der Freizeitgestaltung, Essensplanung und beim Lernen Struktur, Systeme und vorausschauendes Denken, aber im Haushalt haben wir das alles nicht und können es nicht verinnerlichen.
Welche davon kommen von außen, welche hast du verinnerlicht?
Es kann mir eigentlich egal sein, wie es bei uns aussieht und ob wir systematisch leben. Aber wenn man Besuch bekommt, möchte man es doch ordentlich und sauber haben, weil der Druck der Gesellschaft einem immer vorhält: Wer keinen ordentlichen Haushalt hat, hat sein Leben nicht im Griff. Schon immer konnte ich schlecht Hilfe annehmen, weil ich das immer damit assoziiere, dass ich nicht stark genug und nicht perfekt genug bin. Das Bild, das wir nach außen als Familie zeigen, entspricht sicher nicht dem einer 0815-Instagram-Familie. Aber es ist geprägt von viel Liebe und Ehrlichkeit.
Wofür rechtfertigst du dich innerlich am häufigsten?
Dass ich nicht ordentlich genug bin und dass ich nicht entspannt genug bin, wenn meine Kinder Grenzen testen und überschreiten. Außerdem muss ich mir immer wieder sagen, dass es nicht so schlimm ist, wenn man nicht alles schafft, was man sich vornimmt.
Welche Schuld gehört dir eigentlich nicht?
Die Schuld, dass es bei uns nicht überall aufgeräumt ist. Die Schuld, dass wir nach außen nicht wirken wie eine tolle Vorzeigefamilie mit Kindern, die lieb und brav sind und nicht schmutzig werden dürfen.
Was müsste sich strukturell ändern, damit dein Alltag leichter würde – nicht dein Mindset?
Die Kinder müssten mehr Aufgaben im Haushalt übernehmen und sie selbstständig ausführen. Systematisches Vorgehen, Wocheneinkauf zur gleichen Zeit, Haushalt nach Plan.
Welche Form von Anerkennung fehlt dir am meisten: Zeit, Geld, Ruhe, Autorität?
Eigentlich ist es Geld vom Staat. Drei Kinder großzubekommen mit den Erwartungen der heutigen Gesellschaft kostet mehr als knapp 200 Euro im Monat. Und Verständnis von der Gesellschaft.
