Kurden: Volk ohne Land

Persönliche Erfahrung

„Kurdistan gibt es nicht“ oder „Kurden gibt es nicht, du bist Araberin“ – wisst ihr, wie oft ich diesen Satz als Kurdin aus Syrien schon gehört habe? In diesem Text erkläre ich euch, ob es Kurdistan gibt und ob ich überhaupt Kurdin bin. Ich möchte euch das am Beispiel meiner Erfahrungen als Kurdin aus Syrien zeigen. Dabei gehe ich auf die Lebensbedingungen der Kurdinnen und Kurden dort ein und vergleiche sie mit denen in Deutschland. Ich berichte sowohl aus meinen eigenen Erfahrungen als auch aus den Erzählungen meiner Familie, die in Syrien lebt.

Historischer Hintergrund

Das Sykes-Picot-Abkommen von 1916 teilte das Osmanische Reich, ohne die Kurden zu fragen. Deshalb leben sie heute in mehreren Ländern und haben keinen eigenen Staat, obwohl ursprünglich ein kurdisches Land geplant war. Kurdistan ist eine Region, die sich über Syrien, den Iran, die Türkei und den Irak erstreckt. In manchen Gebieten dieser Länder leben Kurdinnen und Kurden, und dort wird ihre Kultur bis heute ausgeübt.

Rojava in Syrien

Im arabischen Land Syrien leben die Kurdinnen und Kurden in Rojava. Diese Region liegt im Nordosten Syriens, an der Grenze zur Türkei und zum Irak, und ist in mehrere Städte unterteilt. Den Kurdinnen und Kurden in Syrien werden lebensnotwendige Dinge vorenthalten, wie zum Beispiel Strom, Rechte, Bildung, Wasser, hochwertige Lebensmittel und auch ihre Kultur.

Die kurdische Militäreinheit „YPG“ in Rojava sollte eigentlich zum Schutz der Kurdinnen und Kurden dienen. Im Gegenteil: Sie sind vor allem an Macht und Geld interessiert. Arme Menschen werden dadurch noch ärmer, während sich die YPG mit reichen Menschen, darunter auch Arabern, verbündet, um ihre Macht zu vergrößern. Jugendliche, egal wie alt sie sind, werden zum Militär gezwungen. Wer sich weigert, wird verfolgt und in manchen Fällen sogar getötet.

Unterdrückung der Kultur

Bildung ist für die meisten Kinder keine Option, da die Eltern es sich finanziell nicht leisten können. Die Ausübung der kurdischen Kultur wird von der Regierung als Provokation wahrgenommen. Zum Beispiel feierten die Kurdinnen und Kurden ihr Neujahrsfest, auch Newroz genannt, oft heimlich. Wenn die Regierung davon erfuhr, führte das zu Spannungen. Kindern wurde von ihren Eltern oft befohlen, auf den Straßen Arabisch zu sprechen, um Konflikte zu vermeiden.

Zurzeit greifen auch militärische Einheiten der Türkei die Kurden in Syrien an, unter anderem in den Städten Kobane und Afrin. Nach dem Sturz von Baschar al-Assad sind die Kurden besonders verletzlich, weil sie als Minderheit wenig Schutz haben. Das bedeutet, dass die Kurdinnen und Kurden in Rojava von ihrer eigenen Militäreinheit „YPG“ hintergangen werden und gleichzeitig von arabischen sowie türkischen Militäreinheiten angegriffen werden.

Gründe für die Verfolgung

Warum ist die syrische Regierung so hasserfüllt gegenüber den Kurdinnen und Kurden? Die Antwort ist einfach: Sie wollen die Kontrolle über das Land, auf dem die Kurdinnen und Kurden leben, weil dort große Öl- und Gasvorkommen liegen, die wirtschaftlich sehr wertvoll sind. Außerdem haben die Kurdinnen und Kurden in Rojava ein eigenes, unabhängiges Verwaltungssystem aufgebaut. Das bereitet der Regierung Angst, weil sie befürchtet, dass andere Gebiete ebenfalls ihre Unabhängigkeit fordern könnten.

Leben in Deutschland

Alles Genannte habe ich in meiner Kindheit in Rojava miterlebt. Deshalb bin ich sehr froh, dass ich in Deutschland meine Kultur frei ausüben kann und alles habe, was ich zum Leben brauche: Strom, Rechte, Bildung, Wasser und hochwertige Lebensmittel. Ich kann auf den Straßen Kurdisch sprechen, und an vielen Orten wird das Neujahrsfest gefeiert, ohne dass wir es verheimlichen müssen.

Ausblick

Die Kurdinnen und Kurden in Rojava brauchen Schutz, Bildung, medizinische Versorgung und Unterstützung ihrer Kultur. Sie leben in einem Gebiet, das oft von Konflikten betroffen ist, und haben wenig Sicherheit. Sie brauchen Hilfe, um Zugang zu Schulen, Wasser, Strom und Lebensmitteln zu bekommen, ihre Sprache zu sprechen, Feste wie Newroz feiern zu können und ihre Rechte zu wahren.

Ich hoffe, dass die Kurdinnen und Kurden das Land bekommen, das ihnen eigentlich versprochen wurde, und endlich ein sicheres und unabhängiges Leben führen können.

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