Nach dem erfolgreichen Abschluss ihres Abiturs blickt eine Schülerin in diesem Beitrag auf ein Thema, das während ihrer Schulzeit immer wieder präsent war: Täuschungsversuche in Prüfungen. Mit einem differenzierten Blick beschreibt sie sowohl klassische als auch zunehmend digitalisierte Methoden des Schummelns und stellt zugleich Überlegungen an, wie Schule und Lehrkräfte diesem Phänomen wirksam begegnen können. Der Text verbindet persönliche Beobachtungen mit kritischer Analyse – ein Einblick aus erster Hand in eine schulische Wirklichkeit, die oft tabuisiert wird, aber dringende Aufmerksamkeit verdient.
Täuschungsversuche in Prüfungen sind kein neues Phänomen, aber die Methoden entwickeln sich rasant weiter. Vom Spickzettel bis zur KI-gestützten Lösungshilfe: Die Möglichkeiten, sich einen unfairen Vorteil zu verschaffen, sind vielfältig und teils hochgradig organisiert. Selbst im Abi machen Schüler*innen keinen Halt vor sowohl analogen als auch digitalen Spickmethoden.
Analoge Klassiker: Spickzettel, Handnotizen und Mini-Ausdrucke
Analoge Spicker sind die Klassiker in Klausuren, egal ob Vokabeltest oder Abiturklausur. Auch im digitalen Zeitalter sind viele Schüler*innen überraschend kreativ, wenn es um analoge Spickmethoden geht. Daher sind schriftliche Spickzettel nach wie vor die gängigste und bekannteste Technik – egal, ob im Ärmel versteckt oder unter den Rock geklebt.
Früher ebenfalls häufig verwendet waren Notizen auf der Handfläche oder dem Unterarm. Für den komplexen Stoff in der Oberstufe sind diese jedoch häufig nicht genügend. Deshalb haben Schüler*innen angefangen, ihre Lernnotizen oder Notizen ihrer Mitschüler in winziger Schrift auszudrucken und mit in die Klausur zu nehmen. Um unentdeckt zu bleiben, werden sich aber alle Möglichkeiten meist auf der Toilette angeschaut.
Neue Täuschungsräume: Digitale Geräte und ChatGPT
Digitale Geräte eröffnen heutzutage neue Räume zum Täuschen. Beispielsweise versteckte Kopfhörer unter langen Haaren oder einem Kopftuch, mit denen Tonaufnahmen angehört werden, in denen sich Schülerinnen ihre Lernzettel selbst vorlesen. Der heutige Klassiker ist aber ein falsches Handy: Dafür wird ein altes Smartphone abgegeben und das richtige in der Socke oder im Slip versteckt, mit auf die Toilette genommen und dort Notizen angeschaut oder auch ChatGPT gefragt – der neue beste Freund der Schülerinnen.
Zusammenarbeit im Täuschen: Hilfspersonen und Absprachen
Häufig in Kombination mit den digitalen Möglichkeiten sind Hilfspersonen. Dafür können sich beispielsweise zwei Schülerinnen per Textnachricht austauschen. Genauso aber tauschen sich Schülerinnen auch während Klausuren aus, meist unbemerkt. Da Lehrer die meiste Zeit beschäftigt sind und am Lehrerpult ihre eigenen Aufgaben erledigen, haben Schüler*innen leichtes Spiel. Falls nicht, wird der Lehrer durch Absprache abgelenkt, indem bspw. ein Schüler eine Frage stellt.
Nonverbale Tricks: Täuschen bei Multiple-Choice-Aufgaben
Besonders kreativ werden Schüler*innen bei Multiple-Choice-Aufgaben. Hier werden Lösungen meist durch Handzeichen verraten. Klassisch ist die Hand am Tisch, die die Zahl der richtigen Antwort zeigt – auch im Abi genutzt, etwa im Englisch-Listening.
Taktische Platzwahl: Der Täuschungsversuch beginnt vor der Prüfung
Trotzdem sind nicht nur Notizen oder Hilfspersonen wichtig zum richtigen Spicken. Die Täuschung beginnt schon bei der Platzwahl: Wer gut ist, sitzt in der Mitte, die weniger Sicheren außen – um abzugucken. Am besten in einer Ecke, um zusätzlich unentdeckt die Spicker hervorzuholen.
Technische Zukunft: Brillen mit Kamera und neue Betrugsformen
Neue Technologien bedeuten neue Betrugsformen. Auch Geräte wie die Meta-Brille von Ray-Ban wurden Teil des Betrugs. Durch die kleine Kamera in der Brille kann die vorliegende Klausur abfotografiert oder gefilmt und an Dritte weitergeleitet werden, die die Lösungen vorgeben. Außerdem ist es möglich, mit der Brille zu telefonieren – doch ob das in einer Klausur funktioniert, ist fragwürdig, da man die Geräusche der Brille von außen leicht wahrnimmt. Dennoch kann vor allem eine Weiterentwicklung der Brille in Zukunft möglicherweise eine große Rolle spielen.
Was Schulen tun können – Drei zentrale Maßnahmen
Angesichts dieser Vielfalt an Täuschungsformen stellt sich die Frage: Was können Lehrkräfte und Schulen dagegen tun?
- Prüfungsformate überdenken:
Schüler*innen wird das Spicken erschwert in Aufgaben, die kein direktes Wissen erfordern. Stattdessen können Aufgaben, die Transferwissen und eigene Meinung beinhalten, das Spicken sinnlos machen. - Aufsicht und Sitzordnung:
Schon wie erwähnt, spielt die Sitzordnung eine wichtige Rolle. Daher könnte man die Schüler*innen mit dem Rücken zum Lehrer setzen. So wird das Spicken unter dem Tisch erschwert, und durch den fehlenden direkten Blickkontakt zum Lehrer wird die Hemmung erhöht. - Nachsicht:
Spicken ist zwar unfair gegenüber anderen Schülerinnen, dennoch betrügen sie oft nur aufgrund eines Defizits. Lehrerinnen sollten versuchen, schon zu Beginn der Klausurenvorbereitung einen strukturierten und nachhaltigen Unterricht zu gestalten, um Täuschungsversuche zu verhindern. Außerdem sind Schülerinnen – besonders in Klausurenphasen – in einer dauerhaften Stresssituation, die zusätzlich durch die Stoffmenge das Lernen erschwert und somit zur Notlösung führt.
Fazit: Täuschung bleibt – aber Schulen können handeln
Täuschung in Prüfungen wird immer ein Thema bleiben, besonders dann, wenn der Notendruck steigt. Doch Schulen müssen nicht tatenlos zusehen. Ein Mix aus durchdachter Prüfungsstruktur, klarer Kommunikation, technischer Sensibilität und wachsender Aufsicht kann helfen, Fairness wieder stärker in den Mittelpunkt zu rücken. Prüfungen sollten keine Wettkämpfe im Täuschen sein, sondern echte Gelegenheiten, Wissen und Können zu zeigen.
