Im Bildungswesen begegnen uns immer wieder Geschichten von Menschen, die nicht den klassischen Weg zum Lehrerberuf gegangen sind. Eine solche Geschichte ist die von Luise Wickert, die erst spät in ihrer Karriere die Klassenzimmer betrat und nun als Lehrkraft bei uns tätig ist. Luise ist ein Paradebeispiel für einen erfolgreichen Quereinstieg, der zeigt, wie berufliche und persönliche Erfahrungen das Lehren und Lernen bereichern können. In diesem Interview mit Fabienne erzählt sie von ihren vielfältigen Berufserfahrungen vor dem Lehrerdasein, ihrer Entscheidung für den Quereinstieg und den Herausforderungen sowie Chancen, die dieser mit sich brachte. Ihre unkonventionelle Laufbahn und die damit verbundenen Einblicke in das Bildungssystem bieten wertvolle Perspektiven auf das, was Bildung bedeuten kann und wie sie gestaltet werden sollte, um allen Lernenden gerecht zu werden.
Lehren und Lernen: Die Erfahrungen von Luise Wickert als Quereinsteigerin
Mein Name ist Luise Wickert. An dieser Schule ist mein Kürzel WICK. Ich bin noch nicht so lange hier, genauer gesagt, seit fünf Jahren. Ich unterrichte drei verschiedene Fächer. Eines davon ist Kunst, das ich fachfremd unterrichte. Angefangen habe ich in der fünften Klasse, mittlerweile bin ich schon bei der zehnten Klasse angekommen. Es macht mir sehr viel Spaß, mich mit den verschiedenen Themen des Kunstunterrichts auseinanderzusetzen. Mein Hauptfach ist darstellendes Spiel, das ich vor allem in den unteren Jahrgängen, also in der sechsten, siebten und achten Klasse, unterrichte. Außerdem ist textiles Gestalten ein sehr wichtiges Fach für mich. Hier unterrichte ich Schülerinnen und Schüler von der sechsten bis zur zehnten Klasse. Ich habe einen Profilkurs ins Leben gerufen, der „Mode – Create Your Own Style“ heißt. Das ist ein WPK-Kurs, der über zwei Jahre läuft.
Nein, überhaupt nicht. Deswegen habe ich auch lange Zeit nichts mit Schule zu tun gehabt. Ich persönlich habe in meiner Schulzeit keine guten Erfahrungen gemacht. Ich war nicht glücklich und erlebe auch heute noch, dass es Kinder oder Jugendliche gibt, die mit dem Schulsystem nicht gut klarkommen. Für sie ist es schwierig, und oft hängt es von den Lehrkräften ab, ob sie jemanden finden, an den sie sich „andocken“ können. Manchmal trägt eine Lehrkraft einen Schüler oder eine Schülerin durch ein System, mit dem man selbst Schwierigkeiten hat. Das hat mich dazu gebracht zu denken: Vielleicht kann ich so eine Lehrkraft sein.
Mein erster Beruf war Schauspielerin, und über diesen Weg bin ich letztendlich in den Quereinstieg gelangt, da ich ein abgeschlossenes Hochschulstudium habe. Ich habe in Hannover an der Hochschule für Musik und Theater Schauspiel studiert und einige Jahre an verschiedenen Theatern gearbeitet. Irgendwann dachte ich, dass ich etwas Neues machen möchte. Da ich privat schon immer viel genäht habe, ging ich auf eine Modeschule und erlernte dort den gesamten Textilbereich. Ursprünglich wollte ich Kostümbildnerin am Theater werden, da Theater immer meine Leidenschaft war. Doch dann kam mein erster Sohn. Ich merkte, dass Theater mit seinen rund um die Uhr geforderten Präsenzzeiten nicht mehr möglich war. Stattdessen begann ich, privat zu nähen, und baute schließlich ein eigenes Geschäft auf. Mit einer Freundin zusammen führte ich hier in Hannover einen Modeladen mit eigener Marke. Wir designten und stellten Kleidung selbst her und verkauften sie im Laden. Das habe ich über 20 Jahre lang gemacht. Doch irgendwann dachte ich, dass mir der Kontakt zu anderen Menschen fehlt, und suchte nach etwas Neuem.
Es war dann das Fach „Darstellendes Spiel“, das den Einstieg ermöglichte. Die Voraussetzung war ein abgeschlossenes Hochschulstudium in einem Fach, das mit einem Schulfach kompatibel ist – in meinem Fall Schauspiel. Ich bewarb mich und wurde angenommen. Berufsbegleitend absolvierte ich eine eineinhalbjährige Weiterbildung im Studienseminar, um pädagogische und didaktische Grundlagen zu erlernen.
Am Anfang war alles sehr spannend. Besonders herausfordernd fand ich den pädagogischen und didaktischen Bereich. Man muss ja lernen, wie man anderen etwas beibringt, und das braucht ein bestimmtes System. Einfach nur zu sagen: „Jetzt machen wir mal dies und gucken, was passiert“ – das reicht nicht. Im Studienseminar habe ich mit anderen Referendarinnen und Referendaren zusammengearbeitet und entdeckt, wie man Unterricht systematisch plant. Wo fängt man an? Welche Zwischenschritte sind nötig, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen? Das hat mich sehr interessiert.
Ich finde, das Schulsystem ist grundsätzlich so aufgebaut, dass die Mehrheit damit klarkommt. Es gibt aber immer wieder Schülerinnen und Schüler, die Schwierigkeiten haben, sich in ein allgemeines System einzufügen. Da gibt es meiner Meinung nach zu wenige Möglichkeiten, sie mitzunehmen. Oft werden sie allein gelassen. Ich finde es außerdem problematisch, dass es so strikte Trennungen zwischen Realschule, Gymnasium und Hauptschule gibt. Meiner Meinung nach sollte es nur Gesamtschulen geben, die aber stärker differenziert werden müssten, damit auch leistungsstarke Schülerinnen und Schüler besser gefördert werden können.
Die größte Herausforderung für mich ist – und da bin ich vielleicht ein besonderer Fall – der pädagogische Anteil. Da ich das nicht direkt studiert habe, fehlt mir manchmal Hintergrundwissen oder auch Methoden, wie man mit bestimmten Schwierigkeiten umgeht. Das fällt mir nicht immer leicht. Ich merke jedoch, dass es mit den Jahren besser wird. Die Bandbreite der Schülerinnen und Schüler, woher sie kommen und welche „Päckchen“ sie mitbringen, ist manchmal sehr groß. Das macht es zusätzlich herausfordernd, aber ich sehe es auch als Lernprozess für mich.
Unterschiedliche Jahrgangsstufen erfordern verschiedene Ansätze. In den unteren Klassen steht die pädagogische Arbeit im Vordergrund. Es geht darum, die Klasse ruhig zu halten und Methoden zu entwickeln, damit sich alle für die 90 Minuten konzentrieren können. In der zehnten Klasse hingegen spielt die inhaltliche Arbeit und die Erfüllung der curricularen Vorgaben eine größere Rolle. Beide Ansätze finde ich gleichermaßen interessant und gleich schwierig.
Gar keinen, damals war es wirklich so, dass ich von der Schule die Nase gestrichen voll hatte und ich wollte damit wirklich nie wieder etwas zu tun haben. Heute sehe ich das ganz anders. Das hat auch mit meiner eigenen Entwicklung und meinem Alter zu tun. Je älter ich werde, desto besser komme ich mit den verschiedenen Charakteren, die ich hier in der Schule treffe, klar. Vor 15 bis 20 Jahren hätten mich viele Dinge sehr aufgeregt. Ich hätte mich ständig geärgert. Heute gelingt es mir viel besser, Dinge stehen zu lassen und zu überlegen: Was kann ich ändern? Wo kann ich ansetzen? Das fällt mir jetzt wesentlich leichter.
Grundsätzlich bin ich ein positiv eingestellter Mensch, und ich versuche, die Aufgaben, die auf mich zukommen, mit einer positiven Einstellung zu bewältigen. Natürlich gibt es auch Momente, in denen ich sauer werde oder mich Dinge ärgern – das bleibt nicht aus. Aber inzwischen gelingt es mir besser, solche Situationen nicht mehr persönlich zu nehmen. Wenn Schülerinnen oder Schüler unfreundlich, respektlos oder sogar beleidigend sind – was leider vorkommt – fühle ich mich dadurch nicht mehr persönlich angegriffen. Das war früher anders, damals hätte ich das nicht so gut wegstecken können. Heute schaffe ich es, ruhig zu bleiben, die Situation anzunehmen und zu überlegen: „Wie können wir das ändern? Was kann man besser machen?“ Ich möchte mein Leben ehrlich gesagt nicht damit verbringen, ständig schlechte Laune zu haben oder mich von solchen Dingen herunterziehen zu lassen.
Aufgrund meines Alters sehe ich mich jetzt am Ende meiner beruflichen Laufbahn, und das passt für mich gut. Lehrerin ist schließlich mein dritter Beruf. Das Aufgabenfeld hier in der Schule ist so groß, dass ich denke, ich werde bis zu meiner Pensionierung noch viele spannende und interessante Themen kennenlernen. Das reicht vollkommen.
Die Inspiration kam von einer Freundin, die meinte: „Luise, du hast doch ein Diplom und du könntest doch eventuell unterrichten.“ Und ich hatte tatsächlich auch schon daran gedacht, allerdings im Schauspielbereich, weil dort habe ich auch schon mal unterrichtet. Das hat mir eigentlich immer viel Freude gemacht und so bin ich dann hier an diese Schule gekommen, habe mich beworben. Ich wollte auch Lehrerin werden, um den Schülerinnen und Schülern zu zeigen, dass ein Lebensweg nicht immer gradlinig verlaufen muss. Es ist nicht so, dass man an einem bestimmten Punkt anfängt und dann zwangsläufig nur in eine klare Richtung weitergeht. Stattdessen können Wege verschlungen sein, man kann Umwege machen oder auch ganz neue Richtungen einschlagen.
