
Meine Mutter
Meine Mutter ist kein großes Wort. Sie ist das Klacken der Haustür um 6:12 und der Blick auf die Uhr, der sagt: Es reicht noch für einen Kaffee.
Sie spricht leise, aber ihre Sätze bleiben liegen wie Schlüssel auf dem Küchentisch. „Zieh dir was Warmes an.“ Nicht als Bitte. Eher als Wissen.
Ihre Hände riechen nach Spülmittel und nach dem Parfüm, das sie immer nur einmal sprüht. Nie zu viel.
Im Alltag ist sie Bewegung. Sie sitzt kaum. Wenn sie sitzt, steht sie innerlich schon wieder auf. Da ist immer noch etwas: Eine Rechnung, ein Gedanke, ein Termin, den niemand sonst aufgeschrieben hat.
Verantwortung trägt sie wie eine Jacke, die sie nie auszieht. Auch im Sommer. Auch wenn es schwer wird. Vor allem dann.
Manches an ihr wirkt selbstverständlich: Dass Essen immer da ist, dass jemand wartet, dass jemand zuhört. Aber nichts davon passiert von allein. Es passiert durch sie.
Meine Mutter ist nicht perfekt. Sie ist müde.
Und wenn ich sie beschreibe, ohne das Wort Mutter zu benutzen, dann ist sie vielleicht das: Ein ruhiger Ort mit Licht an, auch wenn es draußen noch Nacht ist.
Meine Mutter ist zurzeit in der Türkei, weil es ihr erstes Zuhause ist. Deshalb führe ich dieses Gespräch mit meiner großen Schwester. Auch sie hat meine Kindheit und mein Aufwachsen miterlebt. In diesem Gespräch geht es um Mutterschaft, unsichtbare Arbeit und Verantwortung. Dabei sprechen wir nicht nur über meine Mutter, sondern auch darüber, wie meine Schwester Mutterschaft erlebt. Meine Schwester hat in Zeiten, in denen meine Mutter nicht da war, Verantwortung übernommen und mich unterstützt.
Wie würdest du dich selber beschreiben, ohne das Wort „Mutter“ zu benutzen?
Meine Mutter: „Ich würde mich als jemanden beschreiben, der Verantwortung übernimmt, mitdenkt und immer für andere da ist.“
Meine Schwester: „Ich bin ein Mensch voller Liebe, Fürsorge und Verantwortungsgefühl. Gleichzeitig habe ich auch Ängste und Sorgen, aber vor allem empfinde ich tiefe Geborgenheit, Wärme und Dankbarkeit.“
Wann hast du gemerkt, dass sich dein Leben durch das Muttersein stark verändert hat?
Meine Mutter: „Ich habe gemerkt, dass sich mein Leben stark verändert hat, als meine ganze Liebe und mein Leben sich auf meine Kinder ausgerichtet haben. Alles, was ich getan habe, war für sie.“
Meine Schwester: „Die Veränderungen begannen schon mit der Schwangerschaft. Bewusster leben, auf Zucker und Koffein verzichten. Gleichzeitig kamen neue Gefühle, die Sorge, dass etwas passieren könnte, aber auch eine große Freude. Es kam der Wendepunkt, dass man ab nun nicht mehr nur für sich selbst lebt, sondern Verantwortung für ein wertvolles, kleines Wesen ein Leben lang trägt.“
Was hat sich ganz praktisch geändert, nicht nur emotional?
Meine Mutter: „Praktisch hat sich nicht sehr viel verändert. Was neu war, war die Angst, zu sterben und meine Kinder allein zu lassen, ohne Mutter.“
Meine Schwester: „Ich habe erst durch das Elternsein gemerkt, wie viel freie Zeit ich früher hatte. Dinge, die selbstverständlich waren, wie ausschlafen, ein ordentliches Zuhause, Spontanität, sind es heute nicht mehr. Der Alltag ist viel stärker strukturiert und auf andere Bedürfnisse ausgerichtet.“
Welche Sorgen oder Ängste hast du bei dir wahrgenommen?
Meine Mutter: „Meine größte Sorge war, dass meine Kinder allein sind und niemand da ist, der sich so um sie kümmert wie ich.“
Meine Schwester: „Die größte Sorge ist, den Kindern nicht gerecht zu werden. Ich hinterfrage mich oft: Mache ich alles richtig? Bin ich zu streng? Erziehe ich gut genug? Gleichzeitig lerne ich, auch loszulassen und zu vertrauen. Kinder brauchen Raum, um sich selbst zu entfalten, und das bedeutet für mich, nicht nur aus Angst zu handeln.“
Welche Vorstellungen von Mutterschaft hattest du damals selbst?
Meine Mutter: „Ich wollte immer eine gute Mutter sein. Mir war wichtig, dass ich für meine Kinder da bin, dass Schule eine große Rolle spielt und dass sie gesund aufwachsen und gut ernährt werden.“
Meine Schwester: „Ich hatte es mir definitiv einfacher vorgestellt. Den Satz meiner eigenen Mutter: ‚Wenn du selbst Mama bist, wirst du verstehen, warum ich so handle‘, kann ich heute vollkommen nachvollziehen.“
Welche Aufgaben hast du als Mutter übernommen, die oft niemand gesehen hat?
Meine Mutter: „Ich habe vieles im Hintergrund übernommen, für meine Kinder da sein, zuhören, mich kümmern, Verantwortung tragen, auch ohne, dass man es immer gesehen hat.“
Meine Schwester: „Sehr viele organisatorische Aufgaben. Arzt- und Kontrolltermine, Kita- und Schulangelegenheiten, Engagement im Alltag der Kinder. Dazu kommt das gesamte Management des Haushalts, Planung, Einkäufe, Koordination. Vieles davon läuft unsichtbar im Hintergrund.“
Was ist für dich dauerhaft anstrengend?
Meine Mutter: „Meine Kinder waren pflegeleicht und nicht anstrengend für mich. Anstrengend war für mich die Scheidung, besonders weil meine Tochter sechs Monate alt war und plötzlich ein Elternteil gefehlt hat.“
Meine Schwester: „Vor allem herausfordernde Entwicklungsphasen, wie die Trotzphase, die viel Geduld und Energie verlangt.“
Wo wurde deine Arbeit als selbstverständlich angesehen?
Meine Mutter: „Vieles, was ich gemacht habe, wurde als selbstverständlich gesehen, weil ich es alleine gemacht habe.“
Meine Schwester: „Oft im Alltag. Dass alles organisiert ist, der Haushalt immer läuft und die Familie versorgt wird, wird häufig einfach vorausgesetzt.“
Wann hast du das Gefühl, dass du es allen recht machen musst?
Meine Mutter: „Ich bin allein gut klargekommen und hatte nicht das Gefühl, es allen recht machen zu müssen.“
Meine Schwester: „Vor allem dann, wenn ich das Gefühl habe, allein für Organisation, Haushalt und Essen verantwortlich zu sein und alles gleichzeitig funktionieren soll, dabei aber keine schlechte Laune haben darf.“
Gibt es Situationen, in denen du, egal was du tatest, kritisiert wurdest?
Meine Mutter: „Nein, ich wurde eigentlich nicht kritisiert in meiner Rolle als Mutter.“
Meine Schwester: „Bei Erziehungsfragen. Egal welche Entscheidung man trifft, es gibt immer unterschiedliche Meinungen dazu.“
Was darfst du als Mutter nicht sein?
Meine Mutter: „Für mich gehört zur Mutterschaft auch, dass meine Töchter mich respektieren und lieben. Ich teile viel mit ihnen, bin für sie da, aber ich bin nicht ihre Freundin, sondern ihre Mutter.“
Meine Schwester: „Verantwortungslos, egoistisch oder ohne Empathie.“
Wo war klar, dass du immer verfügbar sein musst?
Meine Mutter: „Nach der Geburt war klar, dass man als Mutter immer für seine Kinder da sein muss.“
Meine Schwester: „Wenn die Kinder krank sind. Selbst wenn ich es auch bin, muss ich funktionieren. Auch bei der Arbeit muss ich jederzeit erreichbar sein, falls ein Notfallanruf kommt.“
Wo hättest du mehr Unterstützung gebraucht?
Meine Mutter: „Nach der Geburt meines zweiten Kindes hatte ich eine leichte Depression und hätte in der Zeit mehr Unterstützung gebraucht.“
Meine Schwester: „Vor allem im Haushalt und bei alltäglichen Aufgaben, um mich zwischendurch auch selbst entlasten zu können.“
Was hast du durch Mutterschaft verloren?
Meine Mutter: „Durch Mutterschaft habe ich nichts verloren. Im Gegenteil, ich habe mehr Liebe gewonnen. Meine Kinder waren und sind mein Ein und Alles.“
Meine Schwester: „Verloren habe ich eigentlich gar nichts, vieles hat sich nur zeitlich verschoben. Spontanität und berufliche Entwicklung mussten warten. Mutterschaft hat meinen Körper, meine Prioritäten und meine Sorgen verändert, aber sie hat mein Leben auch sehr viel erfüllender gemacht.“
Wo wurde deine Leistung nicht anerkannt?
Meine Mutter: „Meine Leistung wurde oft nicht besonders hervorgehoben, weil vieles einfach als normal galt.“
Meine Schwester: „Häufig bei unsichtbaren Aufgaben im Hintergrund. Alles, was selbstverständlich wirkt, aber viel Zeit und Energie kostet.“
Wann wurde die Ungleichheit besonders bewusst?
Meine Mutter: „Die Ungleichheit wurde mir besonders bewusst, als ich nach der Scheidung alles allein tragen musste.“
Meine Schwester: „Wenn deutlich wurde, dass Verantwortung und mentale Last hauptsächlich bei mir liegen.“
In welchem Moment hat Mutterschaft Mut von dir verlangt?
Meine Mutter: „Mutterschaft hat Mut von mir verlangt, als ich mich sehr früh scheiden lassen musste und trotzdem stark für mein Kind sein wollte.“
Meine Schwester: „In dem Moment, in dem mir klar wurde, wie viel Verantwortung ich trage und dass ich Entscheidungen treffen muss, weil ich mein Kind am besten kenne. Und das Mama-Bauchgefühl es am besten weiß.“
Welche Entscheidungen waren besonders schwer?
Meine Mutter: „Besonders schwer waren Entscheidungen, die ich allein treffen musste, immer mit dem Gedanken, was das Beste für mein Kind ist.“
Meine Schwester: „Entscheidungen, bei denen ich zwischen den Bedürfnissen der Kinder, der Familie und meinen eigenen abwägen musste.“
Wenn du Mutterschaft in einem Satz beschreiben müsstest, wie würde dieser Satz lauten?
Meine Mutter: „Mutterschaft bedeutet, dass in einem etwas wächst, Liebe, Verantwortung und Fürsorge, und je mehr das Kind wächst, desto größer wird auch die Liebe.“
Meine Schwester: „Mutterschaft bedeutet, mit Liebe, Geduld und Hingabe ein Kind durchs Leben zu begleiten und ihm in jeder Lebenslage den Rücken zu stärken.“
Gibt es etwas, das du dir wünschst, dass deine Kinder dich besser verstehen?
Meine Mutter: „Ich wünsche mir, dass meine Kinder verstehen, dass Liebe nicht immer leicht ist, aber immer ehrlich. Dass sie Empathie haben, mitfühlen können und wissen, dass ich sie über alles liebe. Ich wünsche mir, dass wir uns respektieren und gemeinsam glücklich sind.“
Meine Schwester: „Auch wenn ich manchmal gestresst oder genervt wirke, meine ich es nie böse. Oft sind es Druck und Erschöpfung, und am Ende des Tages bleibt immer nur meine Liebe zu ihnen. Ich werde meine Kinder bis zu meinem letzten Atemzug über alles lieben. Das dürfen sie niemals vergessen. Mama ist immer für euch da.“
