Der Wahlpflichtkurs Kunst und Politik der IGS Roderbruch sprach mit Justus von Daniels, Chefredakteur von CORRECTIV. CORRECTIV ist ein unabhängiges, gemeinnütziges Recherchezentrum und deckt Missstände auf, recherchiert zu Politik, Wirtschaft und Umwelt und wird nicht von Werbung oder großen Verlagen finanziert.
Im Gespräch erklärt Justus von Daniels, warum unabhängiger Journalismus für eine starke Demokratie unverzichtbar ist. Macht braucht Zustimmung, Gewalt ersetzt sie durch Zwang. Für Hannah Arendt ist das der Kern jeder politischen Ordnung. Auch Journalistinnen und Journalisten bewegen sich in diesem Spannungsfeld: Sie decken Machtmissbrauch auf, stoßen Debatten an und geraten dabei selbst unter Druck. Wir haben Justus von Daniels, Chefredakteur von CORRECTIV, gefragt, wie unabhängiger Journalismus Macht sichtbar macht, ohne selbst Teil davon zu werden.

Lieber Justus von Daniels, Correctiv bezeichnet sich als unabhängiges Recherchezentrum. Was bedeutet das konkret und warum braucht es Ihrer Ansicht nach heute diese Form von Journalismus?
Journalismus sollte möglichst unabhängig sein. Wenn wir Missstände aufdecken wollen, treten wir natürlich auch jemanden auf die Füße. Da müssen wir sicher sein, dass wir keine Abhängigkeiten haben. Ein Weg ist es, durch möglichst viele Einzelspender eine breite Basis der Unterstützung zu haben. Dann können nicht Einzelne Druck auf unsere Arbeit ausüben. Mit unserem Modell eines gemeinnützigen Medienhauses schaffen wir das.
Hannah Arendt schreibt: „Macht entsteht, wenn Menschen gemeinsam handeln.“ Wie verstehen Sie diesen Gedanken im Kontext journalistischer Arbeit?
Unser Ziel ist es, dass Menschen durch unsere Recherchen eine informierte Entscheidung treffen können, also wenn sie sich politisch engagieren oder wählen gehen. Als Journalist kann ich im besten Fall dabei helfen, dass Nutzer:innen einen vollständigen, verständlichen Überblick erhalten, was in der Welt passiert. Wenn sie daraufhin handeln wollen, also sich politisch einmischen, haben sie hoffentlich eine gute Grundlage, um vernünftige Lösungen zu suchen. Insofern sehe ich den Journalismus als Ermöglicher für gemeinsames Handeln.
Sie finanzieren sich über Spenden und Fördergelder. Wie stellen Sie sicher, dass diese Geldquellen keinen Einfluss auf Ihre Themen oder Ihre Haltung haben?
Wir versuchen, möglichst viele einzelne Spenderinnen und Spender zu gewinnen. Zwischen der Redaktion und dem Einwerben von Spenden gibt es eine strikte Trennung. Selbst wenn ein Spender eine Summe gern für ein spezielles Thema spenden möchte, kann er das nicht an die Redaktion herantragen. Wir wählen unsere Themen innerhalb der Redaktion aus, ein Einfluss durch Spenden auf unsere Themenwahl gibt es daher nicht.
Wie entscheiden Sie, welche Themen recherchiert werden? Gibt es feste Kriterien oder eher ein Gespür für gesellschaftliche Relevanz?
Es gibt verschiedene Wege, wie wir auf Themen kommen. Manchmal sind es sehr gute Hinweise von Insidern, die uns etwas berichten, was wir dann recherchieren können. Aber es gibt auch Themen, die aus Diskussionen in der Redaktion entstehen. Wir haben zum Beispiel überlegt, wie wir besser über die Probleme in der Bildungspolitik berichten können und welche Themen in dem Bereich kaum beachtet werden. Oder dass wir über die Hintergründe von Desinformation mehr rausfinden wollen. Solche Themen entstehen aus der Diskussion. Wir schauen dabei immer, wie ein Thema die Menschen direkt betrifft.
Viele Ihrer Recherchen beginnen mit Hinweisen aus der Bevölkerung. Wie prüfen Sie, ob diese Informationen glaubwürdig sind?
Das ist in der Tat eine der wichtigsten Aufgaben: zunächst herauszufinden, ob an den Hinweisen etwas dran ist. Wir fragen immer sehr frühzeitig danach, ob es Belege für einen Hinweis gibt oder wo man solche Belege finden kann. Erst wenn wir die haben, können wir eine Veröffentlichung vorbereiten.
Correctiv wird manchmal als politisch links oder aktivistisch bezeichnet. Wie reagieren Sie auf solche Vorwürfe?
Entspannt. Wir sind weder aktivistisch, noch links. Wenn jemand so eine Behauptung aufstellt, empfehlen wir, mal unsere Veröffentlichungen zu lesen. Wir haben eine große Themenvielfalt, bei der wir darauf achten, Probleme zu recherchieren, die Menschen direkt betreffen. Dabei haben wir keine politische Ausrichtung. Was eine Grundhaltung bei uns ist: Wir setzen uns für eine starke Demokratie ein und recherchieren natürlich auch zu denen, die demokratische Fundamente bedrohen.
Welche Recherche der letzten Jahre hat Sie persönlich am meisten bewegt oder überrascht und warum war das so?
Ich war von der Reaktion auf unsere Recherche „Geheimplan gegen Deutschland“ absolut überwältigt. Da gingen mehr als drei Millionen Menschen auf die Straße, es gab unzählige politische Reaktionen. Mit so etwas kann man als Journalist nie rechnen. Was mich persönlich unabhängig von einer bestimmten Recherche immer bewegt: wenn sich Menschen melden und dankbar sind, dass ein bestimmtes Thema von uns aufgegriffen wird und vielleicht sogar zu einer Veränderung führt.
Arendt sah Gewalt als Zeichen von Machtverlust. Welche Beobachtungen machen Sie in Ihrer Arbeit dazu: etwa im Umgang von Staaten, Unternehmen oder Medien mit Kritik und Öffentlichkeit?
Ich finde es sehr bedenklich, wie aggressiv einige Regierungen oder Unternehmen auf bestimmte Recherchen reagieren. Wir bemühen uns, Licht ins Dunkel zu bringen, über Dinge zu berichten, die eigentlich verborgen bleiben sollten. Wenn dann Drohungen oder Einschüchterungsversuche kommen, beschädigt das die öffentliche Debatte. Wir sollten doch besser über die Probleme offen sprechen, statt die Boten für eine Nachricht verantwortlich zu machen.
Wenn Sie unbequeme Wahrheiten veröffentlichen, erleben Sie oft Gegenwind. Wie gehen Sie und Ihr Team mit Hass, Drohungen oder juristischem Druck um?
Wir haben leider in den letzten Jahren zunehmend Hass oder Drohungen erlebt. Meist auf sozialen Plattformen oder in E-Mails. Aber wir haben auch Briefe und körperliche Bedrohungen erlebt. Mittlerweile haben wir gute Wege gefunden, wie wir uns darauf vorbereiten und Schutzmaßnahmen treffen. Es ist traurig, dass solche Reaktionen zunehmen, aber wir gehen damit um.
Arendt betont die Bedeutung des öffentlichen Raums für Demokratie. Welche Rolle spielt investigativer Journalismus dabei, diesen Raum offen zu halten?
Aus meiner Sicht eine große Rolle. Im besten Fall können wir zeigen, was schlecht läuft und eine Debatte anstoßen, wie eine bessere Lösung aussehen kann. Investigativer Jounalismus schafft eine Grundlage, um eine gut informierte öffentliche Debatte zu führen. Eine Aufgabe sehen wir daher auch darin, nach einer Recherche auch Räume des Dialogs aufzumachen, digital und vor Ort.
