Im Rahmen der Hannah-Arendt-Tage 2025 führten Schülerinnen und Schüler der Klasse 11 ein Interview mit Bundespräsident a. D. Christian Wulff. Er war von 2010 bis 2012 das Staatsoberhaupt Deutschlands und zuvor Ministerpräsident von Niedersachsen. Als CDU-Politiker hat er sich besonders für Bildung, Integration und gesellschaftlichen Zusammenhalt eingesetzt.
Anlass ist die Podiumsdiskussion „Starke Männer braucht das Land? Frauen zwischen Aufbruch und Rollback“, bei der über Macht, Verantwortung und demokratische Kultur debattiert wird. Die Jugendlichen wollten wissen, wie sich Macht anfühlt, welche Rolle sie in einer Demokratie spielt und wie Hannah Arendts Idee vom gemeinsamen Handeln heute verstanden werden kann. Im Gespräch ging es auch um den Einfluss sozialer Medien, autoritäre Vorbilder und die Frage, was es heute heißt, stark zu sein: als Mensch und als Gemeinschaft.
Lieber Herr Wulff, Sie waren Ministerpräsident und Bundespräsident. Wie hat sich für Sie „Macht“ damals angefühlt: eher als Möglichkeit, etwas gemeinsam zu bewegen oder auch als Druck?
Vor allem habe ich große Verantwortung empfunden, die in Einzelfällen und bei notwendigen, aber unpopulären Entscheidungen aber auch mit manchmal enormem Druck verbunden war. Klar dominiert haben die Gestaltungsmöglichkeiten, mit anderen, etwas zum Besseren verändern zu können.
Hannah Arendt schreibt: „Macht entsteht, wenn Menschen gemeinsam handeln.“ Teilen Sie diese Sicht, oder haben Sie Macht eher als etwas erfahren, das man verteidigen muss?
Hannah Arendt spricht einen wichtigen Punkt an. Ein gutes Beispiel ist der Fall der Mauer vor 35 Jahren. Die Menschen haben gespürt, sie können aus eigener Kraft den Weg zur Freiheit finden. Menschen überwanden ihre Angst, weil sie sahen: Wir sind viele. Die friedliche Revolution lebte vom gemeinsamen Mut. Auch im Aufbruch in der ehemaligen Sowjetunion war wesentlich, dass die Menschen spürten, sie sind viele und haben Wirkmacht, wenn sie zusammenhalten.
In den USA inszenieren sich Figuren mit sehr klaren, oft autoritären Männlichkeitsbildern. Warum übt so etwas auf viele junge Menschen eine Faszination aus?
Wir leben in einer Zeit voller Umbrüche und Komplexitäten. Das überfordert viele. Besonders auch junge Menschen, die ohnehin erst die Folgen der Corona-Pandemie verdauen. Die Gefahren und der Einfluss aus dem Netz, von Social Media, dürfen nicht übersehen werden. Dort verbreiten sich Unwahrheiten und Verschwörungstheorien sehr schnell. Das Festhalten an autoritären und überholten Männerbildern kann aus einer Angst und Unsicherheit rühren. Es gibt Studien, die zeigen, dass junge Männer es heutzutage als schwierig sehen, ihren Platz in der Welt zu finden. Weil die Anforderungen steigen, sich neue Herausforderungen stellen. Mir sagen Schüler häufig, dass sie sich sorgen, dass sie nach langer Benachteiligung der Frauen nun die Benachteiligung der Männer befürchten. Gleichstellungspolitik sollte das ernst nehmen.
Glauben Sie, dass auch in Deutschland ähnliche Tendenzen sichtbar sind und wie sollte eine Demokratie darauf reagieren?
Wir lesen in Deutschland häufig von der Spaltung und Polarisierung der Gesellschaft. Studien zeigen aber, dass die große Mehrheit der Menschen in unserem Land bei vielen Themen nah beieinander liegen. Es existiert nach wie vor ein breiter Grundkonsens. Nur erwähnen wir den zu selten, weil wir uns an den Unterschieden festhalten. Statt auf das Trennende, sollten wir öfters aus das Verbindende blicken.
In Deutschland nehmen wir vermehrt Polarisierung und Spaltung zwischen den Extremen wahr. Das wichtigste Gegenmittel gegen Entfremdung und Ausgrenzung ist die Begegnung, der Austausch zwischen Menschen. Wir müssen aktiv aufeinander zugehen, Brücken bauen, Vertrauen aufbauen, anstatt uns zu entfernen und abzuschotten. Wir müssen wieder aushalten, dass es unterschiedliche Meinungen, Lebenswelten und Perspektiven gibt – das ist oft anstrengend, aber sogar wichtig für eine funktionierende Demokratie.
Arendt unterscheidet Macht von Gewalt. Heute erleben wir viel „kommunikative Gewalt“: Hetze in sozialen Medien, Shitstorms, gezielte Provokationen. Wie gefährlich ist das für Demokratie?
Die größte Gefahr sehe ich darin, dass viele Menschen, die wir dringend in der Politik brauchen, deshalb nicht mehr in die Politik gehen. Das Verhalten und die negative Kommunikation in der Online-Welt ist eine reale Gefahr für unsere Demokratie. Der raue Ton in den Sozialen Medien ist keine gute Entwicklung. Anonymität und Hemmungslosigkeit machen es Menschen leicht, in der digitalen Welt ihren Hass oder ihre Frustration auszuleben. Der digitale Raum darf kein rechtsfreier Raum sein. Wie in der analogen Welt, muss es auch in der digitalen Welt Spielregeln für unser Miteinander geben.
Was haben Sie selbst als öffentliche Person mit solcher Gewalt erlebt und wie sind Sie damit umgegangen?
Bei der Spiegel-Affäre zu Beginn unserer Grundgesetz-Demokratie war die Politik gegenüber den Medien übergriffig. In meinem Falle waren 50 Jahre später die Medien gegenüber der Politik übergriffig. Ich habe damals Medien als unverhältnismäßig, vorverurteilend und kampagnenmässig erlebt. Zum Glück hat sich sowas seitdem nicht wiederholt und es gab danach viel Selbstkritik. Immer weniger Journalisten müssen immer mehr sowohl gedruckte Zeitungen als auch online machen, das immer schneller, weil online einen enormen Druck entfaltet. Qualitätsjournalismus muss aber prüfen.
Was bedeutet heute „stark sein“ in einer Demokratie? Brauchen wir „starke Männer“ oder eher starke Gemeinschaften?
Stark ist man, wenn man mit sich im Reinen und nicht von Politik abhängig ist. Zwischen Männern und Frauen sehe ich keinen Unterschied. Stark ist man mit einem Netzwerk Gleichgesinnter. Ohne meine Mitstreiter und Mitarbeiterinnen wäre ich niemals erfolgreich gewesen. Wichtig ist auch, dass zu einer starken Demokratie rechtsstaatliche Institutionen zählen, eine unabhängige Justiz, freie Medien. Und der Respekt Medien und Justiz gegenüber.
Wir sind stark, wenn wir uns mit Werten wie Toleranz, Rücksichtnahme, Empathie und Engagement für das Gemeinwesen verbunden fühlen.
Viele junge Menschen fühlen sich machtlos gegenüber politischen Entwicklungen. Was würden Sie ihnen sagen: Wo fängt politisches Handeln im Alltag an?
Das fängt schon im Kleinen an: Wie begegne ich meinen Nachbarn, meinen Mitschülerinnen und -schülern. Jede und jeder kann sich in der Schule, im Ort, in der Nachbarschaftshilfe, in Parteien, der Kirche oder im Chor engagieren. An all diesen Stellen hat man Einfluss auf das große Ganze, auf das Miteinander. Nur zu beobachten und zu kritisieren, ist zu wenig. Die von den Nazis ermordete Studentin und Widerstandskämpferin Sophie Scholl sagte richtig: „Man darf nicht nur dagegen sein, man muss etwas tun“.
Wenn Sie heute noch einmal 17 wären und in einer Welt mit Social Media und polarisierenden Figuren erwachsen würden – was würden Sie sich selbst raten?
Ich würde mir raten, nicht alles für bare Münze zu nehmen, was in kurzen TikTok-Statements und durch Algorithmen in meiner Timeline auftaucht.
Ich würde öfters in Bücher schauen und ein analoges oder digitales Zeitungsabo holen. Ich würde die Begegnung in der Realität suchen, mit Menschen mit Erfahrung sprechen und aktiv den direkten Austausch führen. Ich würde die Augen offen halten nach Mentoren, die es gut mit mir meinen.
