Vor Kurzem fand an unserer Schule ein besonderes Event statt, das weniger nach Schulbuch und mehr nach „große Bühne – große Ideen“ klang. Auf der Bühne standen Schülerinnen und Schüler und präsentierten ihre Werke dem Publikum im Scheinwerferlicht. Erdacht, geplant und umgesetzt von unseren Lehrerinnen Melanie List und Joanna Endres mit dem poetischen Dreamteam Matti Linke und Antonia Josefa. Das Thema? Freiheit. Der Kontext? Auf der Bühne mischten sich Wut, Reflexion und jede Menge Emotion. Die Jugendlichen der Klassen 10 bis 13 philosophierten und dichteten, bis die Köpfe qualmten. Eingebettet in die Hannah-Arendt-Tage drehten sich die Texte um ganz persönliche Definitionen von Freiheit – ehrlich, direkt, roh und manchmal laut, wie bei einem tiefgründigen Gespräch unter Freunden. Den Auftakt macht Aron mit seinem Text.

Ich bin ein freier Mensch.
Ich bin ein freier Mensch.
Ich durfte zum Beispiel meine Haare färben
Ich hab viel Spielraum für die Zukunft, keiner der mir sagt, was ich später machen soll
Ich kann meine Meinung äußern
Ich darf sein, was ich will
Ich hab keinen Job, also viel Zeit für mich
Ich bin nicht einsam und hab gute Freunde, auch wenn sich das manchmal ändert
Ich will nächstes Jahr ins Ausland gehen, also weil man mir gesagt hat, dass das ganz gut sein soll.
Ich darf sein, was ich will und bin offen für alles
„Ja, aber was willst du denn machen?“
Ja, das finde ich noch heraus
„Ja, aber dir stehen doch alle Türen offen, du bist doch komplett frei, hast du doch in der Strophe davor gesagt“
Ja, ich mach das schon
„Du weißt schon, du hast nicht alle Zeit der Welt oder? Alle Anderen wissen doch auch was sie machen wollen, warum du nicht?“
Vielleicht weil alle Türen offen sind? Ich könnte machen was ich will, aber wie soll ich bei so vielen Optionen wissen, was ich machen will?
Ich darf sein, was ich will, bin offen für alles und muss mich nur dafür entscheiden.
„Ja, okay, ich verstehe… und wie sieht dein Liebesleben so aus?“
Bitte was?!
„Siehst du nicht die ganzen Leute um dich? Jeder hat jemanden und du willst mir sagen du bist noch alleine?“
Nein, ich… hab einfach noch nicht die richtige Person gefunden.
„Mhm, klar okay, aber wenn du zu lange wartest wirst du die jenige Person nicht finden. Aber komm darum sollst nicht gehen. Was machst du denn gerade so?“
In welchem Sinne?
„Ja, Hobbys. Was machst du in deiner vielen Freizeit von der du vorhin gesprochen hast?“
Also… Ich bin am Handy viel und am PC halt…
„Das… ist erbärmlich.“
Entschuldigung?
„Naja, du schwärmst davon was du so viel Freiheit hast, aber machst nichts damit?“
Also ich bin noch gerne mit Freunden unterwegs…ach keine Ahnung. Ich weiß nicht was ich machen soll. Ich probier mich manchmal ran, aber dann sehe ich was Anderes und denke, vielleicht passt das mehr.
„Warum bleibst du nicht einfach bei einem?“
Weil es noch was Anderes gibt, weil ich frei bin.
Ich darf sein, was ich will, bin offen für alles, muss mich nur dafür entscheiden und das jetzt.
Ist es nicht irgendwie widersprechend? Ich bin frei, aber bei so einer riesen Menge davon, von Freiheit, da bin ich doch garnicht frei. Ich kann mit so Viel nicht arbeiten, wie ein Friseur, der von hundertausend Haaren auf dem Kopf sein Lieblingshaar aussuchen soll. Ich meine der Friseur hat wenigstens seine Berufung gefunden… und meiner hat meine Haare gefärbt, wozu ich mich selber entschlossen habe. Ich nahm mir ein bisschen Freiheit um das zu machen.
Ich darf sein, was ich will, bin offen für alles, muss mich nur dafür entscheiden, das jetzt, weil jeeeeder Andere scheinbar weiß, was man sein will.
Aber sehen wir es mal so.
Ich lebe bei den Leuten unterm Dach
Die, die sagen „Bitte heute keinen Krach“
Dieses Poetry Ding ist nicht so meine Sach
Definitiv nicht so mein Fach
Trotzdem nahm ich mir die Freiheit und sagte „ja komm, mach“
Und das alles, weil ich es jemandem Versprach.
Und jetzt wo ich darauf Sprach
Diese Bühne… ist sowas wie mein Gemach
Guck mal, wie ich mich da wiedersprach.
Gerade noch fühlte ich mich, als ob die Freiheit mich erstach.
Aber ich mache nicht Schwach.
Ja, dieser Reim wird langsam flach?
Nein, das ich nicht lach.
Also ich suche weiter meine Freiheit und bleibe wach.
Also ich sage noch diese Line, dann ist es danach
Ich nehme mir die Freiheit und spiele damit als wäre es Schach
und dann setzt sie mich Matt.
Ich darf sein, was ich will, aber macht mich das frei?
