Ein Interview von Diden Hadise Zeylan.
Diden: Ja, hallo Lars! Vielen Dank, dass du dir die Zeit nimmst, um dieses Interview mit mir zu führen. Ich würde sagen, du stellst dich erstmal vor.
Lars Kelich: Ja, hallo, gerne. Mein Name ist Lars Kelich. Ich bin noch 39 Jahre alt, demnächst 40. Bin verheiratet, habe eine Tochter und bin seit fast 13 Jahren im Rat der Landeshauptstadt Hannover. Derzeit bin ich Fraktionsvorsitzender der SPD im Rat der Stadt und auch Sprecher meiner Fraktion für Stadtentwicklung, Bauen und Verkehr.
Es macht mir sehr viel Spaß, etwas für die Stadt und natürlich auch für die Bevölkerung zu bewegen. Es ist ein Ehrenamt, was wir machen; es ist keine Berufspolitik, aber es ist auch im wahrsten Sinne des Wortes eine Ehre, das machen zu dürfen, denn wir sehen immer sehr, sehr konkret, was hier passiert, also was aus unseren Beschlüssen wird. Wo dann zum Beispiel Sanierungsmaßnahmen stattfinden, wo jetzt eine soziale Maßnahme wirkt, wo dann Personal eingesetzt wird. Also das, was wir beschließen, wird sehr, sehr schnell und auch sehr konkret umgesetzt, und das ist wirklich ein Geschenk bei dieser Art von Politik, deswegen bin ich auch stolz darauf. Von Beruf bin ich Historiker, also das habe ich studiert. Habe da auch meine Abschlussarbeit geschrieben, arbeite aber auch in der Politik, bin nämlich sonst der persönliche oder man könnte auch sagen wissenschaftliche Mitarbeiter eines Landtagsabgeordneten.
Diden: Vielen Dank für die ausführliche Vorstellung.
Ich würde sagen, wir starten direkt mal mit den Fragen an dich. Ich werde anfangen mit den Fragen, die uns Schülerinnen und Schülern sowie Jugendlichen sehr interessieren. Wie plant die SPD-Fraktion, die Bildung zu verbessern und den Bedürfnissen der Schülerinnen und Schüler gerecht zu werden?
Lars Kelich: Also vielleicht muss ich dazu einmal sagen, wir sind ja die SPD-Fraktion im Rat. Das heißt also, wir haben keinen Einfluss auf Lehr- oder Lerninhalte. Also was an den Schulen jetzt gelehrt wird, das ist Aufgabe des Landes. Was wir aber tun können, ist, wir können das Umfeld verbessern. Das bedeutet, wir sind Schulträger, und Schulträger zu sein bedeutet, dass uns zum Beispiel die Gebäude gehören. Es hat viel damit zu tun, ob wir dann die Gebäude neu bauen oder sanieren und ob das Lern- und Lehrumfeld attraktiv ist. Das ist ein Großteil des Tages von Kindern und Jugendlichen, die ihre Zeit dort verbringen. Ich glaube, dass das noch nicht in allen Köpfen angekommen ist. Aber bei uns ist es sehr stark angekommen. Deswegen investieren wir auch sehr stark darin. Und da fließt tatsächlich über eine Milliarde Euro rein, innerhalb einiger Jahre, jetzt also innerhalb der nächsten Jahre. Teilweise sind auch schon Projekte umgesetzt worden, und das ist so unsere Aufgabe. Wir versuchen das Lern- und Lehrumfeld zu verbessern. Genau das ist sozusagen unser Hauptfokus an der Stelle, weil auf die anderen Sachen haben wir nur wenig Einfluss, wenn man ehrlich ist.
Diden: Okay. Welche Pläne hat die SPD-Fraktion, um die Chancengleichheit für alle Jugendlichen unabhängig von ihrer sozialen Herkunft zu fördern?
Lars Kelich: Ich habe gerade eben schon das Thema Ganztagsschule angesprochen. Wir versuchen, den Ganztag irgendwie ein Stück weit auf unsere Art zu gestalten. Dass wir zum Beispiel auch versuchen, die Schulen zu unterstützen. Bei dem Programm in der Ganztagsschule, das überhaupt der Ganztag ermöglicht wird. Es gibt Elternhäuser, da haben die Eltern sehr viel Zeit, sich um die Kinder zu kümmern, die haben dann bessere Startvoraussetzungen als zum Beispiel ein Elternhaus, wo die Eltern gar nicht die Zeit haben, sich darum zu kümmern oder die Kinder zu unterstützen beim Lernen, und das ist ein struktureller Nachteil, der kann durch die Ganztagsschule ein bisschen aufgefangen werden, weil natürlich dort professionelles Personal ist, das beim Lernen und überhaupt bei dem Organisieren des Alltags unterstützt. Das ist die grundsätzliche Herangehensweise, deswegen sind wir da sehr stark dabei und auch sehr stark dafür. Auch versuchen wir mit Sozialarbeiterinnen, Sozialarbeitern oder dem Sozialdienst zu helfen.
Diden: Okay, das sind ja schon mal gute Pläne, die bereits recht weit umgesetzt wurden. Nun, viele Jugendliche interessieren sich heutzutage nicht mehr viel für die Politik. Das bedeutet, sie informieren sich kaum. Meinst du, dass es die Aufgabe der Schule ist, die Jugend über politische Themen zu informieren, oder versucht ihr da auch einen Einfluss zu haben?
Lars Kelich: Grundsätzlich ist die Schule dafür am besten geeignet, weil wir in Deutschland die Schulpflicht haben und durch die Schulpflicht heißt es ja, dass jeder Jugendliche oder jede Jugendliche einmal die Schule durchläuft. Das heißt, dass es der einzige Ort ist, wo ich alle tatsächlich mal erreichen kann. Deswegen ist die Schule dafür am besten geeignet. Das darf natürlich nicht das einzige Angebot sein, weil die Schule natürlich auch andere Lerninhalte vermitteln muss und ja nicht nur das Lernen der Demokratie.
Diden: Ja, das stimmt wohl.
Lars Kelich: Übrigens auch ganz spannend; Oskar Negt ist einer, der leider kürzlich verstorben ist, auch ein Philosoph, Sozialwissenschaftler und Soziologe. Der hat mal gesagt: „Demokratie ist deswegen anspruchsvoll, da es die einzige Gesellschaftsform ist, die gelernt werden muss.“ Und genau das ist natürlich eine große Aufgabe der Schule. Aber auch außerhalb der Schule.
Wir haben z. B. eine eigene Jugendorganisation, die Jusos. Das gilt von 14 bis 35, also eine sehr große Zeitspanne. Das zeigt, dass wir auch viele Schülerinnen und Schüler haben, die dann auch für ihre eigenen Themen in die Partei hineingehen, dafür kämpfen und teilweise dafür sorgen, dass es dann umgesetzt wird. Wir als Ratsfraktion der SPD haben uns konkret dazu entschieden, ein Jugendparlament zu gründen und dort zu unterstützen. Das heißt auch dort versuchen wir zu animieren, demokratisches Verständnis und das Kämpfen für eigene Interessen innerhalb einer demokratischen Gesellschaft zu sensibilisieren und dabei zu unterstützen.
Diden: Die Jusos klingen nach einer sehr guten Möglichkeit, um sich als Jugendliche(r) in die Politik mit einzubringen.
Wie möchte die SPD-Fraktion denn die jungen Menschen dazu ermutigen, sich politisch zu engagieren und ihre Stimme zu nutzen?
Lars Kelich: Das ist natürlich die große Herausforderung. Wir versuchen, die Jugendlichen durch Kanäle, die uns zur Verfügung stehen, zu informieren. Wir nutzen zum Beispiel die Medien, das Radio und die Zeitung. Auch haben wir einen lokalen Fernsehsender. Wir nutzen auch die sozialen Netzwerke, weil wir eben wissen, dass sich dort noch mal ganz viele andere Menschen tummeln in unterschiedlichen Altersgruppen. Wir wissen, dass zum Beispiel Facebook eher diejenigen anspricht, die, sagen wir mal so, zwischen 30 und 60 sind. Vom Alter her Instagram eher diejenigen, die jetzt, sagen wir mal, zwischen 25 und 40 sind und TikTok ja jetzt eigentlich für die ganz junge Generation eher so da ist. Irgendwann wird wahrscheinlich auch da wieder das nächste kommen, also das nächste soziale Netzwerk. Diese Entwicklung endet ja nicht und ich glaube, man muss dann schon auf der Höhe der Zeit bleiben. Es muss aber natürlich auch ein bisschen der Fokus von selber kommen. Wir können jetzt nicht an der Haustür zu Hause klopfen und dann jeden loszerren. Ein Interesse muss da schon selbst kommen, auch dafür, was in der Gesellschaft passiert.
Diden: Wo wir schon über die sozialen Medien, die von euch genutzt werden, reden; Nutzt die Ratsfraktion denn die Plattform TikTok? Die wird ja, wie du eben meintest, sehr stark von der jüngeren Generation verwendet.
Lars Kelich: Wir als SPD-Ratsfraktion nutzen TikTok noch nicht.
Diden: Warum nutzt die Ratsfraktion der SPD TikTok denn noch nicht, um mehr ZuschauerInnen zu erreichen und junge Menschen anzusprechen?
Lars Kelich: Tatsächlich ist es so, dass wir gerade als Ratsfraktion überlegen, diese Plattform zu nutzen. Da wir jedoch auch wissen, wie die sozialen Medien funktionieren und dass die durchschnittliche Zeit eines Videos 15 Sekunden beträgt, wissen wir noch nicht genau, wie wir viele und ansprechende Informationen auf einmal erwähnen können. Man kann da höchstens etwas anteasern. Es gibt viele komplexe Themen wie zum Beispiel: „Wie sorgt man dafür, dass wir Wohnbauflächen überhaupt noch haben, wo neue Wohnungen gebaut werden können? Für wen werden die Wohnungen eigentlich gebaut, also Quadratmeterzahl?“. Und da ist es schwierig, sie ausführlich in nur 15-30 Sekunden zusammenzufassen.
Diden: Wie plant denn die SPD-Fraktion, junge Menschen über soziale Medien besser zu erreichen und das Engagement zu fördern?
Lars Kelich: Wie ich bereits gesagt habe, wir informieren schon, jedoch sind wir die Fraktion, bedeutet also, dass wir keine eigenen Kampagnen haben. Wir nutzen aber wie bereits erwähnt, Instagram und posten da zum Beispiel kurze Stories, um ein wenig Interesse zu wecken.
Diden: Okay. Welche Vorteile sieht denn die Fraktion in der Nutzung von traditionellen Medien im Vergleich zu Social Media Plattformen?
Lars Kelich: Traditionelle Medien bieten Einordnung und komplexe Darstellung von Themen, erreichen ein breites Publikum wie Radio- und Zeitungsleser, während Social Media direkter ist, aber negativ orientiert und daher problematisch für die SPD, die auf positive Kampagnen setzt, um den Staat zu stärken.
Diden: Die AfD ist zurzeit ein politisches Thema, über welches viel diskutiert wird. Auch in den Schulen und in den sozialen Medien machen sich viele nun Sorgen.
Daher lautet die erste Frage, wie die SPD-Fraktion die wachsende Unterstützung für die AfD sieht und was die Ratsfraktion der SPD denkt, sind die Gründe für die steigende Anzahl an Stimmen der AfD?
Lars Kelich: Die wachsende Unterstützung für die AfD ist eine Katastrophe, weil sie rechtsextrem ist und den demokratischen Staat ablehnt. Die Zustimmung lässt sich in zwei Gruppen einteilen: die mit einem geschlossenen rechten Weltbild und die, die Angst vor Veränderungen haben. Wir müssen besser kommunizieren und Lösungen aufzeigen, um sie zu unterstützen. Der Verlust von Arbeitsplätzen, besonders in der Automobilindustrie, verstärkt die Ängste. Wir müssen die Menschen unterstützen und Wege in die Zukunft aufzeigen, um den Rechtsextremismus einzudämmen.

Diden: Wie plant die SPD, mit den Anliegen und Forderungen der AfD-Wähler umzugehen und gleichzeitig ihre eigenen politischen Ziele zu verfolgen?
Lars Kelich: Wir haben ein Wahlprogramm und ein Programm für Hannover, das Arbeitsplätze schaffen und bezahlbaren Wohnraum bieten soll. Wir zeigen, wie das umgesetzt werden kann, z. B. durch Unternehmensansiedlungen und erschwinglichen Wohnungsbau. Unsere Priorität liegt im Gemeinwohl und in der Daseinsvorsorge. Wir sind bereit, Maßnahmen zu ergreifen, um dies zu gewährleisten.
Diden: Gibt es bestimmte politische Themen oder gesellschaftliche Entwicklungen, die aus Sicht der SPD dazu beigetragen haben könnten, dass die AfD mehr Stimmen erhalten hat?
Lars Kelich: Ad-hoc-Veränderungen z. B. lösen immer Ängste aus, egal um welches Thema es geht, sei es das Energiegesetz oder Zuwanderung. Es ist wichtig, den Menschen zu erklären, wie Zusammenleben funktioniert und ein gesellschaftliches Modell zu entwickeln, das allen Chancen bietet. Zuwanderung ist essentiell, um Arbeitsplätze zu besetzen und unsere Gesellschaft zu bereichern. Wir müssen die demografische Entwicklung berücksichtigen und Menschen unterstützen, sich hier zu integrieren und ein gutes Leben zu führen. Auch Deutschland war immer eine Einwanderungsgesellschaft. Deswegen glaube ich, das bei dem Thema „positives Weltbild“ gezeigt werden muss, wie es geht und was es ist. Das ist eine Aufgabe, die wir nicht alleine als Kommune lösen können, aber Bund, Land und Kommune zusammen können das lösen.
Diden: Nun sind wir auch schon bei der letzten Frage. Welche Strategien verfolgt die SPD, um Wählerinnen und Wähler von der AfD zurückzugewinnen und ihr eigenes Profil zu stärken?
Lars Kelich: Im Grunde genommen habe ich die Antwort schon gegeben. Wir zeigen, wie man Probleme löst und die Gesellschaft weiterhin funktionieren kann. Wenn es gelingt, weniger Angst zu verbreiten, wählen die Menschen eher demokratisch und nicht extrem. Das stärkt die Stabilität der Gesellschaft und verhindert ihre Spaltung. Wir müssen gegensteuern und Mut machen, wie die beeindruckende Demonstration am 21. Januar mit 35.000 Teilnehmern zeigt. Das gibt uns Rückhalt und zeigt, dass die Bevölkerung hinter einem demokratischen Weg steht und Lösungen bevorzugt. Wenn wir das vermitteln können, gewinnen wir.
Diden: Lieber Lars Kelich, vielen Dank, dass du dir die Zeit genommen hast, dieses Interview mit mir zu führen. Deine Antworten waren wirklich sehr ausführlich und zudem auch authentisch. Es war sehr interessant, dir zuzuhören. Danke schön.
Lars Kelich: Ja, gerne. Es gab zwar einige Dopplungen, aber die Fragen gehören ja auch irgendwie alle zusammen. Es ist schön, deine Fragen ausführlich beantwortet haben zu können. Danke schön.
