Schulwechsel und Noten. Wie sich mein Alltag verändert hat

Ein Beitrag von Camie.

Ich bin 16 Jahre alt und habe vor einem Monat die Schule gewechselt. Die Schule, auf der ich bis zur 11. Klasse war, hatte keine Hausaufgaben, jahrgangsübergreifendes Lernen und vor allem keine Noten bis zur 10. Klasse. Hier schreibe ich, wie ich den Wechsel wahrgenommen habe.

Der erste Dienstag nach den Ferien, 8:15. Deutschunterricht. Ich bin aufgeregt. Es war schwer, sich vorzustellen, wie sich der Unterricht verändern wird, jetzt, wo ich in der SEK II bin. Der erste Unterschied wird gleich am Anfang klar: Bewertungskriterien – 40 % schriftlich, 60 % mündlich, dazu ein Raster, welche Leistung wie viele Punkte erzielt. Für die meisten aus meiner Klasse ist das Alltag, für mich beinahe undenkbar.

Zweite Schulwoche. Wir kriegen die ersten Klausurtermine. Ich habe keine Ahnung, wie so etwas überhaupt abläuft. Also frage ich nach. „Die Klausur ist fast so wie der Unterricht“, ist die Antwort, die ich kriege. Nicht sonderlich hilfreich, aber ich weiß, dass es nicht böse gemeint ist, trotzdem bin ich beunruhigt. Können Noten und Klausuren Alltag für mich werden?

An meiner alten Schule, der Glocksee-Schule, gibt es keine Noten bis zur 10. Klasse. Stattdessen bekommen alle ausführliche Berichte, individuelle Beratung und Rückmeldung. In der 9. Klasse haben wir dann zum ersten Mal eine grobe Einschätzung bekommen und Probearbeiten geschrieben. Denn auch die Arbeiten sind neu. Nur im Französischunterricht gibt es ab und zu mal einen kleinen Test, ansonsten gibt es andere Arbeitsaufträge, die wir uns individuell aussuchen und gestalten können.

Von der 1. bis zur 7. Klasse findet der Unterricht vor allem im jahrgangsübergreifenden Klassenverband statt, ab der 7. Klasse wählt man dann Kunst- und Sportkurse und hat acht Stunden die Woche „Lernbüro“. Es gibt vier Lernbüros: Mathe, Natur, Deutsch und Englisch. In den Lernbüros sucht man sich dann selber Aufgaben aus (sogenannte „Lernbausteine“), die man möglichst selbstständig bearbeitet. Wenn man irgendwo Probleme hat, bespricht man das im „Lerngespräch“ mit der „Lernbegleitung“. Eine Lehrkraft, die sich viermal im Jahr (nach Bedarf auch öfter) mit dir bespricht und dich bei deiner Lernorganisation und deinem Lernweg unterstützt.

Eine Freundin von mir ist seit der 5. Klasse auf der IGS Roderbruch. Sie hatte an ihrer Grundschule bereits in der 3. und 4. Klasse Noten. Dann, in der Roderbruch, hatte sie wieder ab der 7. Klasse Noten. Sie meinte, dass die Noten besonders in der 7. Klasse sie gestresst haben, da alle in ihrer Klasse sich miteinander verglichen haben und Personen aufgrund von schlechteren Noten geärgert wurden. Ihrer Erfahrung nach können die meisten erst ab der 8. Klasse so mit ihren Noten umgehen, dass sie am direkten Vergleich mit anderen nicht ihren eigenen Wert definieren.

In der nächsten Zeit wird sich wohl leider erst einmal nichts am deutschen Schulsystem ändern, trotzdem ist es wichtig, über Schule und Bildung zu sprechen. Denn unsere Welt verändert sich, es werden neue Erkenntnisse gewonnen, es gibt neue Lernmethoden und KI. Stellt unser Prüfungssystem infrage. Also warum sollte man sich nicht auch angucken, ob Noten als Bewertung von Leistung noch zeitgemäß sind?

Obwohl so viel neu ist, finde ich mich langsam in der IGS ein. Es macht Spaß, neue Leute kennenzulernen. Meine Klasse und die Lehrkräfte sind nett. Aus Erzählungen habe ich entnommen, dass die Klausurenphasen stressig, aber machbar werden.

Ich hoffe für all die Schülerinnen und Schüler nach uns, dass das Prinzip Schule an ihre Bedürfnisse angepasst wird und Bildung nicht mehr mit Stress assoziiert wird. Ich bin gespannt, ob dieser Wandel auf Schule mit oder ohne Noten hinauslaufen wird.

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