Mein Leben in der Wohngruppe.

Ein Beitrag von Lenina.

Ist Wohngruppe nur ein anderer Begriff für Kinderheim und was ist Jugendhilfe? Wie dem Titel schon zu entnehmen ist, geht es in diesem Text um die Jugendhilfe.

Was ist aber Jugendhilfe? 

Unter Jugendhilfe versteht man eine behördliche Einrichtung, die der Unterstützung junger Menschen dient. Um das Thema hautnah erklären zu können, habe ich mit Sozialarbeitern und Jugendlichen gesprochen, aber auch meine eigenen Erfahrungen dokumentiert. 

Ich bin Lenina, 15 Jahre alt und wohne jetzt seit anderthalb Jahren in einer sozialpädagogischen Wohngruppe.

Ich wohne mit 8 anderen MitbewohnerInnen in einem Haus und wir haben 24 Stunden am Tag Betreuung durch ein festes Team aus 6 SozialpädagogInnen. In meiner WG hat jeder sein eigenes Zimmer, welches über eine Grundausstattung, wie Bett, Schreibtisch und Kleiderschrank verfügt. Zusätzlich sind die Zimmer mit Waschbecken und Spiegel ausgestattet. Öffentliche Räume, wie Küche, Wohnzimmer und Playstationraum werden sich geteilt.

Ebenfalls werden die Badezimmer gemeinsam genutzt. In meiner WG hat jeder ein wöchentliches Putz-Amt, wie den Flur wischen, Kühlschrank putzen, Keller saugen etc. Aufgaben, die in einem gewöhnlichen Haushalt ebenfalls erledigt werden müssen. Außerdem haben wir jeden Sonntag ein gemeinsames Frühstück, wo wir gemeinschaftlich Dinge entscheiden oder Konflikte und Probleme ansprechen. Zusätzlich findet einmal im Monat das gemeinsame Abendbrot statt. Da werden ebenfalls Ideen und Wünsche ausgetauscht. 

Vielleicht kommt jetzt die Frage auf, ob eine Wohngruppe jetzt wie eine Art Kinderheim ist oder ob das doch eigentlich voll entspannt ist und deshalb hab ich mit Thomas gesprochen.

Thomas ist Leiter der Wohngruppe Novum, aber hat auch vor einigen Jahren meine Wohngruppe geleitet. Novum ist ebenfalls eine Wohngruppe des Stephansstifts der Diakonie. Novum bietet ein Zuhause für Jugendliche, die aufgrund ihrer Individualität nicht lange in ein bestimmtes Jugendhilfesystem passen und können bei Novum in einer intensivpädagogischen Wohngruppe leben. Dazu gibt es ein kurzes Youtubevideo:

Er erklärte mir, dass es verschiedene Stationen der Jugendhilfe gibt.

Es gibt das Jugendamt. Die können einen in der familiären Situation unterstützen, aber auch den Weg in die Jugendhilfe. In der Jugendhilfe unterscheidet man zu einer Inobhutnahme und Wohngruppen.

Inobhutnahmen sind keine langfristige Lösung und bieten in Akutsituationen den Weg raus aus der Familie und weiterführend in eine WG, denn WG-Plätze sind schwer zu bekommen und können teils mehrere Monate besetzt sein. Also die Inobhutnahme ist etwa, wie ein Kinderheim, weil du meist keine andere Wahl hast. 

In einer Wohngruppe sieht das schon anders aus. Es gibt offene und geschlossene Angebote. Offene sind meist freiwillig und geschlossene angeordnet. Unter geschlossenen Wohngruppe wird meist ein bestimmter Schwerpunkt, wie Drogenabhängigkeit, psychiatrische und therapeutische Hilfe oder schwierige Verhaltensmuster beachtet, da diese Jugendliche nochmal ein anderen Bedarf, als andere benötigen.

Es gibt also viele Gründe, warum man in einer Wohngruppe wohnt.

Aber häufig wegen langwierigen Konflikten im Elternhaus, Eltern die unzureichend für die Kinder da sind, Kindeswohlgefährdung, Drogenkonsum, Tod der Eltern, psychische Erkrankungen oder freiwilliges Austreten aus dem familiären Umfeld.

Die Betreuer unterstützen uns also. Sie versuchen uns zu begleiten und so viel wie möglich selbständig auszuführen und uns mitbestimmen zu lassen. Unter anderem müssen die Betreuer sich nach dem Jugendschutzgesetz richten, aber vor allem wollen sie uns ein Zuhause bieten. Sie achten auf unsere Gesundheit, behandeln uns mit Respekt und Würde und verbinden das Netzwerk um uns herum. Mein Bezugsbetreuer telefoniert deswegen regelmäßig mit meinen Eltern, meiner Therapeutin und meiner Psychiaterin. Außerdem ist der Austausch mit dem Team wichtig, da er nicht täglich in der WG arbeitet. Zusätzlich verwalten die BetreuerInnen das Geld. Wenn man in einer WG wohnt, bekommt man vom Jugendamt Gelder. Ich bekomme Taschengeld, Kleidungsgeld, Hygienegeld und Friseurgeld. Außerdem bekomme ich Geld für einen Handyvertrag. 

Ein weiterer Punkt, der sehr wichtig ist, ist die Privatsphäre. Die Privatsphäre muss immer gewährt werden, sowohl von uns Jugendlichen, als von den BetreuerInnen.

Diese Grenzen sollte jeder individuell besprechen. Allerdings dürfen die BetreuerInnen in Ausnahmefällen und Notsituationen, wie Eigen- und Fremdgefährdung beispielsweise in mein Zimmer kommen, auch ohne Zustimmung, aber es wird eigentlich immer darauf geachtet, vorher auf sich aufmerksam zu machen. Für uns Jugendliche ist es ebenfalls wichtig untereinander die Grenzen zu wahren. Manchmal können die Mitbewohner nämlich mit fremden Besuch nicht umgehen, aber deswegen sollte man immer Bescheid geben, wenn man Besuch bekommt. Außerdem bringt man erstens ja auch nur Freunde, denen man sehr vertraut mit in die WG.

Ich hab oft mitbekommen, dass viele denken, wenn ich sage, dass ich in einer Wohngruppe wohne, dass das doch voll harmonisch ist oder wie eine große Familie. Aber ich würde eher sagen, dass es eine Zweckgemeinschaft ist.

Jugendliche in einer WG können nicht entscheiden mit wem sie zusammen wohnen. 

Wenn ein Platz frei ist, dann kommt jemand, den du nicht kennst. Ob du willst oder nicht.

Und so findet sich auch das Gruppengefühl. Man hat manchmal MitbewohnerInnen mit denen hat man sich wohler als mit anderen gefühlt, aber das ist einfach so. Und die Familienvorstellung ist eher romantisch, denn jeder von uns hat ja seine eigene Familie, man kann halt nur nicht bei seiner Familie leben, aber trotzdem lieben die meisten von uns die eigene Familie.

Zum Schluss hab ich Thomas gefragt, was er sich von der Gesellschaft hinsichtlich Kindern und Jugendlichen in Wohngruppen wünscht und er meinte, dass er sich viel Wertschätzung ohne Bedingungen für uns wünscht.

Er erklärte mir, dass er sich genau das wünscht, weil Kinder wie ich eben genauso viel verdient haben, wie andere Kinder, die eben noch Zuhause wohnen verdient haben, ohne das wir was bestimmt leisten müssen, weil schließlich können wir nichts für die Situation in der wir lebten und weiterhin leben.

Als Abschluss will ich noch sagen, dass es leider nicht in jeder WG so ist, wie in meiner oder der von Thomas, umso wichtiger ist es, dass man niemanden verurteilt für woher man kommt, wo man lebt, wenn man psychisch krank ist oder eben nicht regelmäßig zur Schule kommt, weil du siehst niemandem an, was er erlebt hat.

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