Deutsch

Genauso wie auf dem Meer

Eine Rezension von Hannah Lynn Jordan zum Roman von Jenny Erpenbeck.

Jenny Erpenbeck zählt zu den meistübersetzten deutschen Schriftstellerinnen und ihr neuster Roman „Gehen, Ging, Gegangen“, der unter anderem für den Deutschen Buchpreis 2015 nominiert wurde, ist so aktuell wie es Literatur nur sein kann. Es geht um Flüchtlinge.

Doch Erpenbecks Protagonist kommt weder aus Nigeria, noch Lybien oder Syrien. Sein Name ist Richard und er wohnt in Ostberlin. Als Baby ist er selbst geflüchtet – aus Schlesien, wobei er fast verloren ging. Doch jetzt ist er alt. Ein emeritierter Professor für Altphilologie, der sich an seinen sinnlos gewordenen Strukturen festhält. Richard hat seine Aufgabe verloren und scheintt sie in den Flüchtlingen vom Oranienplatz wiederzufinden – sein neues Forschungsprojekt. Ganz der Wissenschaftler, überlegt er sich Fragen, stellt einen Katalog zusammen, nur um feststellen zu müssen, dasser auf die Geschichten der Männer „keine Antwort“ weiß. Aus kaltem beobachten wird tatsächliche Anteilnahme, Mitgefühl und schließlich Freundschaft.

Das klingt zunächst nach „Wohlstandsbürger-Klischees“, wie Dana Buchzik es formulierte, und manch einer mag sich auch schon denken: „Bitte nicht!“. Und, ja, es geht um die Flüchtlinge, ihre traumatischen Erfahrungen, bewegenden Geschichten, um die Bürokratie, die ihnen das Arbeiten verbietet, um ihr Leben zwischen Perspektivlosigkeit und Eintönigkeit. Doch es geht nicht nur um die Männer, die über das Meer nach Europa kamen, es geht auch um Richard, um das, was sein Leben bestimmt – um Flucht, Literatur und Zeit.

Und Zeit braucht der Roman. Am Anfang, der sich langsam zieht von einem Kapitel zum nächsten – fast ebenso wie Richards Leben – bis es dann tatsächlich spannend und berührend wird. Aber auch am Ende, nach dem Lesen. „Gehen, Ging, Gegangen“ ist kein Buch zum lesen und weglegen. Man muss über es nachdenken, vielleicht auch ein bisschen grübeln. Über den Toten im See vor Richards Haus, der ihn in seinen Gedanken verfolgt, über Richard selber und über das, was Jenny Erpenbeck mit diesem Roman eigentlich sagen, bewirken will.

Gerne wird „Gehen, Ging, Gegangen“ als „Tatsachenroman“ (Friedmar Apel) beschrieben. Doch dies impliziert eine dokumentierende Abbildung Deutschlands, die in Erpenbecks Werk so nicht gegeben ist. Sicher, die Angst, die Verlorenheit, die Gesetze sind echt – nicht umsonst betrieb Erpenbeck intensive Recherche. Und gerade dieses Fachwissen ist es, das den Roman oft überwältigend, fast erschlagend wirken lässt. Um eine Wiedergabe der Realität handelt es sich deswegen jedoch nicht. Es bleibt ein Roman, die Fiktion geht nicht verloren.

Und das Jenny Erpenbeck Romane schreiben kann hat sie mit „Gehen, Ging, Gegangen“ bewiesen. Geschickt sind Richards – oft wilde – Gedankenströme und die stattfindende Handlung ineinander verzahnt. Eine 348 Seiten lange Montage, in der jedes Wort wichtig ist, jeder Buchstabe an seinem Platz steht. Mit Sätzen, die einem die Luft wegnehmen, und Gedanken, die bleiben.

„Damals […] ist mir klargeworden, dass das, was ich aushalten, nur die Oberfläche von all dem ist, was ich nicht aushalte.“

Eine Frage bleibt: sollte man sich die Zeit nehmen, die dieser Roman braucht, um wirklich gut zu werden? Nun, wer nach einer Dokumentation über Flüchtlinge in Deutschland sucht, ist an anderer Stelle sicher besser aufgehoben. Für die anderen gilt, ja. Denn gerade die fiktive, unerwartete Ähnlichkeit von Richard und den Männern vom Oranienplatz ist es, die das Buch so nah gehen lässt. Und es wird klar, bei Richard ist es „genauso wie auf dem Meer“.

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