Wirst du behindert oder bist du behindert?

Joel ist 13 Jahre alt und sitzt schon immer im Rollstuhl. Er ist eingeschränkt auf die Welt gekommen und jetzt ungefähr einen Meter groß. Wir haben Joel gefragt, wie er sich den Umgang mit uns „normalen“ uneingeschränkten Menschen wünscht und sprachen mit Joel über das, was ihm wichtig ist. 

Die Schüler des Wahlpflichkurses Kunst und Medien haben ein Interview mit Joel geführt, der seit der ersten Klasse an unserer Schule ist.

JOEL 

Wie wünscht du dir, dass deine Mitmenschen mit dir umgehen?

JOEL: Respektvoll, dass sie mich so respektieren wie ich eben bin. Dass die Leute ein wenig darauf achten, wer noch neben ihnen selbst da ist – manchmal laufen mir Leute vor den Rolli, und das nervt mich schon ziemlich …

Seit wann sitzt du im Rollstuhl?

Meine Behinderung habe ich schon immer und meinen Rolli hier fahre ich seit der 1. Klasse. 

Was machst du gern am Nachmittag und in deiner Freizeit?

Ich bin gern an meinem Handy und ich habe zu hause eine Modellbahn, mit der ich mich gern beschäftige. 

Was wünscht du dir für die Zukunft?

Beruflich gesehen würde ich gern Zug-Ingenieur werden.

Empfindest du dich selbst als eingeschränkt bzw. behindert (darf man das überhaupt so sagen?)

Klar darf man das sagen;  ist ja auch so, ich bin ja auch behindert. Eigentlich werde ich eingeschränkt, z.B. durch eine Treppe oder so. Oder eben durch andere Menschen.

Brauchst du immer Hilfe und findest du es doof, dass du nie alleine bist?

Ich kenne das ja nicht anders und bin daran gewöhnt, dass ich immer Hilfe brauche und fast immer jemand um mich ist. Meinen Rolli hier kann ich komplett allein fahren, dabei brauche ich keine Unterstützung. Meinen Schulbegeleiter würde ich mittlerweile als Kumpel oder Freund bezeichnen, und das ist ja auch ziemlich toll!

Ich glaube es ist viel schlimmer, wenn man mal eigenständig war und plötzlich komplett auf die Hilfe anderer angewiesen ist. 

Der Wahlpflichtkurs Kunst und Medien mit Joel 

Findest du es blöd, wenn du auf deine Behinderung angesprochen wirst?

Überhaut nicht, ich finde es im Gegenteil richtig gut, wenn ich mal was gefragt werde. Woher sollen die anderen sonst auch wissen, was mit mir los ist! Wenn Leute hinter mir her glotzen, das nervt mich total ab. Da glotze ich auch mal blöde zurück. Ich wünsche mir dann oft, dass die Glotzer mal selber die Erfahrung im Rolli machen und erleben wie es sich anfühlt, begafft zu werden. 

Zu mir werden auch hinterrücks dumme und verletzende Dinge gesagt, wie „du Krüppel“ und derartiges. Auf einem Weihnachtsmarkt hat ein Erwachsener mal gesagt „Warum bleibt der Krüppel nicht gleich zu Hause?“ Ich empfinde dann eine Wut auf diese Menschen. Wenn ich dazu komme, kontere ich die blöden Sprüche und denke mir, dass doch niemand so etwas zu einem anderen Menschen sagen sollte. 

Bist du neidisch auf uneingeschränkte Menschen, die eigenständig und  mobil sind? 

So direkt kann ich das nicht sagen. Ich würde tatsächlich gern einmal die Erfahrung des Laufens machen – das kenne ich überhaupt nicht, weil ich ja bereits behindert zur Welt kam.  Und ich würde gern einfach mal so losschwimmen im Freibad, schnell die Badebuxe an und rein ins Wasser. Das geht leider nicht, reinspringen und los… 

Was ist für dich Menschenwürde und was bedeutet der Artikel 1 des Grundgesetzes für dich?

Na, das jeder gleich behandelt wird. Für mich heißt das, dass alle Menschen miteinander was machen können. 

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